Einer gegen Sechs. Irgendwie klingt das unfair. Doch Mattias Ekström bleibt keine andere Wahl. Er muss es mit der geballten Mercedes-Macht aufnehmen.

Schöne heile Eifelwelt bei Audi: Dreifach-Pole am Nürburgring - das klingt nach Freudentaumel und einem sicheren Sieg. Doch selbst wenn das so wäre, ist bei Audi nicht allen zum Jubeln zumute. "Es wäre natürlich schöner mit vier Autos vorne", sagt Pole-Mann Martin Tomczyk. "Bei noch so wenigen zu fahrenden Rennen und mitten im Titelkampf wäre es besser, wenn Mattias auf meinem Platz stehen würde", gibt sich Tom Kristensen ganz als Teamplayer. Mattias ist der Meisterschaftsführende. Aber Mattias Ekström steht eben nicht hinter seinem Teamkollegen Martin Tomczyk und Timo Scheider auf Startplatz 3. Er steht erst auf Position 10 - hinter sechs Mercedes.

"Natürlich hätten wir gerne auch Mattias vorne dabei gehabt", gibt Dr. Wolfgang Ullrich zu. Aber wenn nicht alles perfekt zusammenpasse, dann sei so etwas schnell passiert. Ekströms Untergang war eine Setupänderung während des Qualifyings. "In der ersten Session hatten wir noch zu viel Untersteuern, dann haben wir am Auto etwas geändert. Das war ein Fehler", gesteht er. "Noch immer gab es zu viel Untersteuern." Ullrich erwartet jetzt eine Aufholjagd seines Piloten. "Das ist sicher keine einfache Aufgabe mit Blick auf die sechs Mercedes vor ihm, aber wir wissen, dass Mattias die Fähigkeiten hat, aus dieser Position das Beste zu machen." Dem Auto traut Timo Scheider ebenfalls alles zu. "Unter normalen Bedingungen sollte es ein gutes Rennen für uns werden", betont er. "Mattias beneide ich nicht um seine Lage, hinter sechs Mercedes zu stehen. Tipps kann ich ihm aber auch keine geben."

Unfaire Manöver erwartet Ekström bei seinem Vorwärtsdrang sowieso nicht. "Ich erwarte keine Blockaden", sagt er. "Ich glaube, dass uns die Mercedes sehr hart bekämpfen werden, aber auch sie wollen nach vorne aufs Podest und nicht um die Plätze vier bis zehn fahren." Wenn ihm schon keine Werkskollegen vor ihm Schützenhilfe geben können, kann er wenigstens darauf bauen, dass ihm Alex Premat den Rücken freihält. Doch auch von hinten droht Ungemach. Susie Stoddart möchte ihren Mercedes endlich in die Punkteränge fahren. "Mattias versucht genauso wie ich, Berührungen aus dem Weg zu gehen", nimmt sie Brisanz aus der Situation. "Schließlich will ich endlich meine ersten DTM-Punkte." Trotzdem nennt sie eine große Gefahr für alle - auch Ekström: "Im Mittelfeld ist die erste Kurve immer sehr gefährlich."

Und durchwinken wird ihn niemand. "Mattias Ekström ist ein Konkurrent wie jeder andere, und ich behandle ihn nicht anders als jeden anderen", sagt Daniel La Rosa. "Aber ich lasse niemanden freiwillig vorbei." Trotzdem soll alles sportlich fair bleiben. "Ich versuche nicht zu blocken, denn ich will selbst nach vorne kommen." Sollte einer aus dem Mercedes-Sextett dennoch zu fragwürdigen Mitteln greifen, droht Gefahr aus dem Mittelfeld. "Ich kann sehr schnell umdenken, wenn ich sehe, dass bei Mercedes sehr hart gefahren wird", verriet uns Christian Abt, alles andere als ein Kind von Traurigkeit. "Aber solange alles fair bleibt, soll mir das recht sein."

Für Ekström wird das Vorankommen auch ohne Blockadetaktiken des Sternenbollwerks schwierig. "Wir haben eine sehr gute Ausgangsbasis für das Rennen", weiß Norbert Haug. "Unter den Top-14 sind 9 Mercedes - wir sind also wesentlich stärker aufgestellt." Zudem machen ihm die die Long Runs vom Freitag Mut und auch die 10 Kilogramm Gewichtsunterschied stören ihn nicht. "Wir haben im Vorjahr oft mit Zusatzgewicht gewonnen."

Jamie Green glaubt jedenfalls an eine gute Chance. "Mein Auto ist konstant und wir sollten konkurrenzfähiger sein als im Qualifying. Ich hoffe, auf dem Podium zu stehen." Also ein weiterer Gegner für Ekström, der irgendwie einen Weg an La Rosa, Häkkinen, Di Resta, Green, Schneider und Spengler vorbei finden muss, bevor er in ihm freundlicher gesonnene Gefilde kommt. Vorbeiwinken werden ihn die Kollegen Kristensen, Scheider und vor allem Tomczyk allerdings auch nicht. Auch wenn der Meisterschaftszweite Tomczyk sagt: "Für mich ist der größte Konkurrent um die Meisterschaft der mit dem Stern vorne drauf, nicht der eigene Teamkollege." Am Ende denkt jeder zuerst an sich. Stallregie wie beim letzten Rennen erwartet Norbert Haug diesmal keine. "In Zandvoort sind Dinge geschehen, die wir besser nicht wiederholen." Warten wir also ab, welches Motto am Sonntag dominiert: "Einer gegen alle" oder doch wieder "alle für einen"...

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