Wortgefechte, Rennpech, Schützenhilfe: Im Gespräch mit der adrivo Sportpresse analysiert Timo Scheider eine ungewöhnliche Saison.

Nachdem sich für dich die Rivalität mit Bruno Spengler bisher durch die gesamte Saison gezogen hat: Wie hat sich aus deiner Perspektive das Verhältnis zwischen Audi und Mercedes entwickelt?
Timo Scheider: Ich habe wohl noch nie so viel PR gehabt wie nach dem Duell mit Bruno Spengler in Zandvoort. Auf der einen Seite fand ich das ziemlich unverständlich, auf der anderen Seite schadet PR ja nicht unbedingt. Was den Zweikampf mit Spengler in Zandvoort angeht, gab es Untersuchungen der Sportkommissare, die an den Manövern nichts zu beanstanden hatten. Insofern braucht es da keine weiteren Diskussionen. Insgesamt ist die DTM eine Meisterschaft, in der die Ellenbogen ab und an ausgefahren werden, insbesondere dann, wenn man auf das Meisterschaftsende zusteuert. Die Fahrweise in der DTM ist hart - und für mich gibt es daran nichts zu bemängeln. Solange die Zweikämpfe mit dem nötigen Respekt dem Gegner gegenüber vonstatten gehen, ist das vollkommen akzeptabel und von den Fans sicherlich auch gewollt.

Darüber hinaus fielen in diesem Jahr die häufigen Diskussionen um die Rennleitung auf. Eine Entwicklung, die insgesamt schadet?
Timo Scheider: Man muss sich vorstellen, wie es bei der Rennleitung zugeht. Sie hat viele Monitore zur Verfügung, kann die Situationen aber nur aus diesem Blickwinkel einschätzen. Sie sehen sich die Videosequenzen zu einer Kurve an, in der es zu einem Zwischenfall gekommen ist. Da ist es nicht immer einfach, anhand dieser Bild die richtige Entscheidung zu treffen, wenn man beispielsweise nicht die Entstehung in der Kurve zuvor verfolgt hat. So wird eine Situation, in der sich zwei Fahrzeuge berührt haben, manchmal ganz anders bewertet als aus Sicht der Fahrer, die erlebt haben, was eine Kurve zuvor bereits passiert war. Ich möchte mit der Rennleitung nicht tauschen. Die Jungs, die in der DTM mitfahren, sind zusammen ein wilder Haufen. Da muss man schon auf Zack sein - was als Rennleiter oder als Sportkommissar nicht einfach ist. Es wird immer zu jeder Situation zwei verschiedene Perspektiven geben.

Wie lautet deine bisherige Saisonbilanz? Deine Meisterschaftsposition ist vermutlich nicht die, die du dir erhofft hattest.
Timo Scheider: Ja, ganz klar - es hat schon damit angefangen, dass ich in Hockenheim in der letzten Runde auf Podestkurs liegend aus den Punkten geschossen wurde. Damit war der Saisonstart bereits sehr bescheiden. Was die reine Performance angeht, konnte ich mich in diesem Jahr immer mit meinen Teamkollegen messen. Wenn ich immer dort angekommen wäre, von wo aus ich gestartet bin, wäre ich einer der Kandidaten, die mit um die Meisterschaft fahren. Das ist ganz einfach zu belegen, wenn man sich einmal die Startpositionen von uns vier Abt-Audi-Piloten im Durchschnitt ansieht. Dabei tun wir uns nicht viel.

Leider war ich in diesem Jahr oft vom Rennpech verfolgt. Zwei mal hatte ich diese Saison allein schon einen Reifenschaden, der mich zu einem dritten Boxenstopp gezwungen hat. All das ist nicht nach Wunsch verlaufen. Doch was meinen Speed angeht, kann ich sehr zufrieden sein - zumal es seit Mugello in der Zusammenarbeit mit meinem Renningenieur einen weiteren Aufwärtstrend beim Erarbeiten des Setups und seiner Richtung gab. Dass mein Ingenieur und ich immer besser zusammenfinden, hat sich auch in meiner Qualifikationsperformance seit Zandvoort positiv bemerkbar gemacht.

Zuletzt hast du dich mit Blick auf die Meisterschaft klar in den Dienst des Teams gestellt. Glaubst du, dass sich dies genauso auszahlen wird wie im letzten Jahr - sprich: mit einem Jahr im Neuwagen?
Timo Scheider: Wir alle arbeiten hart, um die Meisterschaft zurück nach Ingolstadt und Neckarsulm zu holen. Wer Audi kennt, der weiß, dass man das, was man gibt, auch zurückbekommt. Daher hoffe ich schon auf einen Platz im 2008er Audi.

Glaubst du, dass du es in den letzten beiden Rennen noch zum ersten Podestplatz in der DTM bringen kannst? Vielleicht auch als Rückgeschenk von Mattias Ekström, wie du es ähnlich schon 2006 auf dem Nürburgring erlebt hast?
Timo Scheider: Natürlich, aber lieber möchte ich mir meine Positionen selbst erkämpfen und erfahren. Mattias hat mir auch diesmal am Nürburgring vom Podest aus den Pokal entgegengestreckt und wollte mit dieser Geste sagen: Du bekommst ihn wieder. Aber ich möchte ihn gar nicht unbedingt, denn geschenkte Pokale sind doch nicht so schön wie selbst herausgefahrene. Von daher soll er seinen dritten Platz behalten, und ich nehme das Podest noch einmal in Angriff, wenn die Meisterschaft vielleicht entschieden ist.

Was sagst du zu Christian Abts Karrierende, nachdem du ihn lange als Fahrer einer gegnerischen Marke erlebt hast?
Timo Scheider: Mit Christian geht der DTM auf jeden Fall ein großer Charakter verloren. Ich habe ihn mit der Zeit als Teamkollege und als Freund sehr schätzen gelernt. Ich bin glücklich, dass er der DTM - egal, in welcher Form - erhalten bleiben wird. Er ist neben der Strecke immer mit viel Witz an die Sache herangegangen. Besonders hat mir gefallen, dass Christian immer gesagt hat, was er dachte. Manchmal diplomatisch, manchmal weniger diplomatisch - und manchmal hat er einfach nur das gesagt, was alle gedacht haben. Das macht ihn aus, und dafür gebührt ihm besondere Ehre, zumal es in der DTM nicht so viele Akteure gibt, die einfach sagen, was sie denken. Ich schätze und mag ihn sehr.

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