Die Suche nach einem unbeschädigten DTM-Boliden glich in Nürnberg zum Ende des Rennens der Suche nach der Nadel im Heuhaufen: Auch im vergangenen Jahr begannen bereits in der ersten Kurve die Karbonscherben zu fliegen, um erst nach Rennende wieder zu landen. Zwar gehörte neben Tom Kristensen auch Jamie Green zu den prominenten Leidtragenden - am Mercedes-Triumph unter dem Motto "Vier gewinnt" änderte dies nichts. Während sich das Podest vollständig in HWA-Hand befand, komplettierte Stefan Mücke im Jahreswagen den Mercedes-Vierfachsieg - für Audi blieben nur die Positionen fünf bis 13. Im "Wer war wer" der sechs letztjährigen Protagonisten behalten somit auch die Stuttgarter die Oberhand...

Christian Abt - der Markenfeind: Nicht zum Staatsfeind, aber immerhin aus Mercedes-Sicht zum Markenfeind Nummer eins hat es während seiner langen DTM-Karriere Christian Abt gebracht. "Es sind immer die gleichen, die das tun, sie sind unbelehrbar. Man sollte ihm dennoch eine Lehre geben, das sollte von der Sportobrigkeit gemacht werden", kommentierte Mercedes-Sportchef Norbert Haug Abts allzu leidenschaftliche Versuche, die Überrundung durch den Führenden Jamie Green zu verhindern, nachdem sich am Start bereits Jean Alesi durch ihn ins Aus befördert sah. Der bayrisch-britische Zweikampf endete für Green ausgangs des Schöller-S in der Betonmauer Ob Abt von Mercedes dazu genötigt wurde, die gebrochene Radaufhängung aus eigener Tasche zu ersetzen, ist nicht überliefert?

Jean Alesi - der Trotzige: Insgeheim hatte sich Jean Alesi während seiner letzten DTM-Saison nie mit der Versetzung vom HWA-Neuwagen in den Persson-Jahreswagen abfinden können. Umso größer die Genugtuung des Franzosen, als er im Qualifying der Übermacht der 2006er-C-Klassen getrotzt hatte: Mit Startplatz vier sprengte er das HWA-Quartett, verwies Mika Häkkinen auf Rang fünf und sorgte für eine Mercedes-Fünffachspitze. Das Rennen hingegen endete für Alesi schon in der ersten Kurve. "Das Problem mit Christian Abt besteht darin, dass er manchmal unsinnige Dinge anstellt, ohne über die negativen Folgen nachzudenken", fand der Ex-Formel-1-Pilot aus seiner Sicht einen eindeutigen Schuldigen - und fügte hinzu: "Es war auch deshalb schmerzhaft, wo ich nun zugeben kann, dass dies meine letzte DTM-Saison ist."

Jamie Green - der tragische Held: Der Start des fünften Saisonlaufs schien allzu voraussehbar: Jamie Green gelingt nur ein mäßiger Start, Bernd Schneider und Bruno Spengler ziehen vorbei - doch es kam anders. Mit einem perfekten Start strafte der Brite seine Kritiker lügen. Und während im restlichen Feld die Karbonscherben flogen, schien Green nach dem Beinahe-Sieg von Brands Hatch seinem ersten Triumph entgegenzufahren. Die Überrundung gegen Christian Abt bedeutete das Aus. "Ich hatte mir ja gerade mit viel Mühe den Vorsprung auf Bernd herausgefahren und davon hat er mir schon einiges gekostet, weil er mich so lange aufgehalten hat", ließ Green das Argument, er hätte Abt an einer günstigeren Stelle überrunden sollen, durchaus zu Recht nicht gelten - und stellte fassungslos fest: "Ich stehe wieder mit leeren Händen da!"

Tom Kristensen - der Gehandicapte: Nachdem bereits ein möglicher Sieg Tom Kristensen beim Audi-Bootsrennen auf dem Dutzendteich bedingt durch die gemeine Blaualge ins Wasser gefallen war, rückten die Siegträume des Dänen auch auf dem Asphalt in weite Ferne - nicht nur angesichts der Fünffach-Pole für Mercedes. Nach einem Stoß von hinten rutschte Kristensen ins Heck des Vordermanns. "Ich habe danach wahnsinnige Bremsprobleme gehabt und daher früh gestoppt", berichtete Kristensen, dessen ramponierte Fronthaube zum Ende des Rennens fröhlich im Wind flatterte und die Sicht auf die Strecke stark behinderte. Mit einer gleich ganz weggeflogenen Haube hatte Martin Tomczyk zwar freiere Sicht auf Strecke und Kühlungssystem - mit Rang fünf avancierte Kristensen dennoch zum erfolgreichsten Audi-Piloten.

Bernd Schneider - der Anspruchsvolle: Mit 38 Meisterschaftspunkten ging Bernd Schneider als unangefochtener Tabellenführer aus der ersten Saisonhälfte hervor. Zufrieden zeigte sich der Saarländer jedoch keineswegs. "Ich hoffe, dass wir dafür nicht noch kritisiert werden, aber es ist meine tiefe Überzeugung", hatte Norbert Haug die Entscheidung kommentiert, den schließlich führenden Bruno Spengler nicht hinter Meisterschaftsfavorit Schneider zurückzubeordern - und fand in dem Saarländer sogleich jemanden, der aus tiefer Überzeugung vor laufenden Fernsehkameras Kritik übte: "Ich bin enttäuscht von meinem Team. Mit ein bisschen mehr Unterstützung hätte ich hier gewinnen können." Auch die Tatsache, dass Häkkinen auf Rang drei mit Billigung des Kommandostands einigen Druck ausübte, stieß bei Schneider nicht auf Begeisterung...

Bruno Spengler - der Glückliche: Ein Quäntchen Glück war für Bruno Spengler auf dem Weg zum ersten DTM-Triumph zwar vonnöten: Auch mithilfe einer gelungenen Strategie zog der Kanadier an Bernd Schneider vorbei und erbte die Führung letztlich von Pechvogel Jamie Green. Eine souveräne wie fehlerlose Performance war Spengler dennoch nicht abzusprechen - bei der Nürnberger Hitzeschlacht legte der damals 23-Jährige den Grundstein zum Vizetitel. "Mein Team hat einen perfekten Job gemacht, die Strategie war perfekt, das Auto war auch das ganze Rennen perfekt", lautete zwar Spenglers allzu konventioneller Kommentar zum Sieg: Unkonventioneller dagegen sein Verhältnis zur C-Klasse: Leidenschaftlich warf sich der HWA-Youngster auf die Fronthaube seines Mercedes und schien ihn regelrecht zu umarmen - eine Szene, die sich wenige Wochen später wiederholen sollte...

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