28 Rennen im Mercedes-Neuwagen, 28 Rennen ohne Sieg: Wie viel Zeit bleibt Jamie Green noch, den lang ersehnten Durchbruch zu schaffen?

Mit einem Fehlstart in die neue Saison befand sich Jamie Green zu Beginn des Jahres in guter Gesellschaft: Zwar reichte ihm in Hockenheim ein sechster Platz, um sich für zwei Wochen in der HWA-internen Punktehierarchie ganz oben zu befinden. Mit drei Punkten aus den ersten beiden Saisonrennen war der Brite ebenso wie seine drei Teamkollegen allerdings in einer misslichen Meisterschaftslage. Drei Monate später präsentiert sich Green mit Blick auf die Tabelle allein auf weiter Flur - in negativer Hinsicht: Während sich Bruno Spengler, Bernd Schneider und Mika Häkkinen noch berechtigte Titelhoffnungen machen dürfen, ist für Jamie Green der Meisterschaftszug endgültig abgefahren. 10,5 Punkte aus vier sechsten Plätzen in sieben Rennen - zu wenig in einer aktuellen C-Klasse.

3, 2, 1 - Nürburgring, Barcelona, Hockenheim: Drei Rennen bleiben dem 25-Jährigen, endlich den ersten DTM-Sieg einfahren. Was hat Jamie Green seit seinem DTM-Debüt 2005 nicht alles unter Beweis gestellt: Qualitäten als Pole-Position-Abonnent, konstant konkurrenzfähige Rundenzeiten im Rennen, wenn nötig ein gesundes Maß an Risikobereitschaft. Das stetige Problem Jamie Greens: Selten vermag er all seine Stärken zugleich auszuspielen. "Ich bin zuversichtlich, dass ich auch verinnerlichen werde, was jeweils notwendig ist, um auf einer Runde und auch über 30 Runden schnell zu sein", bilanzierte er nach der Saison 2005, als er mit zwei Pole Positions im Persson-Neuwagen positiv auf sich aufmerksam gemacht hatte. An der Konstanz im Rennen fehlte es noch - was sich zu ändern schien, als Green beim Saisonfinale 2005 seinen ersten Podestplatz einfuhr.

Angekommen im HWA-Mercedes beeindruckte Jamie Green 2006 mit Pole Positions in Serie. Profit konnte der unangefochtene Qualifying-König des vergangenen Jahres allerdings nicht aus ihnen schlagen. "Mit DTM-Autos konstant gute Starts zu hinzubekommen, ist sehr schwierig. Man kann nie sagen: Jetzt mache ich immer einen guten Start", kommentierte Green damals eine Serie missglückter Starts, die mit der Serie an ersten Startplätzen beinahe deckungsgleich war. Der Verdacht schien berechtigt: Bereitet dem pfeilschnellen Qualifyer der mentale Druck Probleme? "Die Pole Position selbst ist nicht das Problem. In Brands Hatch hatte ich einen guten Start auf Startplatz zwei, auf dem Norisring von der Pole Position aus."

Man war versucht, dem Mercedes-Piloten zu glauben: Mit beeindruckender Ruhe und Kritikfähigkeit beantwortet Jamie Green seit jeher die x-te Frage nach missglückten Starts und dem langen Warten auf den ersten Sieg. Ein Fahrfehler - der Fairness halber seien allzu überstrapazierte Reifen als Mitauslöser erwähnt - auf dem Weg zum Heimsieg in Brands Hatch 2006 störten das Bild vom coolen Green, der sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen lässt. Drei Wochen später in Nürnberg befand sich der HWA-Youngster auf dem Weg zum souveränen Sieg - bis der Versuch, Christian Abt zu überrunden, zum unverschuldeten Aus führte. Nie zuvor war der Sieg für Jamie Green so nahe gewesen, nie mehr kam er ihm bislang so nahe.

"Letztlich kann ich keine anderen Menschen dafür beschuldigen, dass die Erfolge für mich bisher ausgeblieben sind. Seit dem letzten Jahr habe ich viel Pech gehabt, aber ich muss die Dinge so nehmen, wie sie sind, und daraus lernen", kommentiert Jamie Green nach mehr als 25 Rennen im Mercedes-Neuwagen die anhaltende Sieglosigkeit. Lichtblicke muss der Brite in dieser Saison mit der Lupe suchen: Über die fünfte Startreihe kam er in diesem Jahr noch nicht hinaus, nachdem in Brands Hatch rote Flaggen die sicher geglaubte Pole verhinderten. Mühsame Kämpfe im Mittelfeld, ein Fahrfehler mit technisch fatalen Folgen in Mugello, zwei umstrittene Durchfahrtsstrafen durch die mittlerweile abgelöste Rennleitung: "Das Problem bei der alten Rennleitung war, dass sie in ihren Entscheidungen nicht wirklich konsequent waren. Manchmal gaben sie wegen Fahrzeugkontakts bereits Durchfahrtsstrafen, manchmal nicht." Und gab es keine Drive-through-Penalty, reichte es dennoch nicht zu mehr als Rang sechs...

3, 2, 1 - meins? So mancher Mercedes-Youngster bei Mücke und Persson scheint auf das HWA-Cockpit Jamie Greens zu schielen. Alexandros Margaritis, Daniel La Rosa, Paul Di Resta - sie alle versprechen frischen Wind und Siegerqualitäten. Hoffte Green lange, dem schnellen Weg Gary Paffetts an die DTM-Spitze folgen zu können, so dürfte das neue Vorbild Martin Tomczyk lauten: Fünf Jahre saß der Bayer mit oft durchwachsenen Ergebnissen am Steuer eines aktuellen Audi, um in seiner sechsten DTM-Saison den ersten Sieg einzufahren - und im Jahr darauf den Titelkurs einzuschlagen...

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