Während sich im stürmischen Zandvoort nur einen Steinwurf entfernt die Norseewellen türmten, schlug auch die DTM hohe Wellen...

Auf der Erfolgswelle war Audi ins Nordseebad Zandvoort gereist - zumindest, was die Fahrzeugperformance anging: Mit einigem Selbstbewusstsein setzte man voraus, dass der Audi A4 DTM seinen aerodynamischen Grip in Zandvoort ebenso gut ausspielen könnte wie zuvor in Mugello. Zwar zeigten sich die Ingolstädter, wenn bei HWA-Mercedes alles zusammenpasste, keineswegs überlegen. So ging die Schnellste Rennrunde dank Jamie Green an Mercedes - anders jedoch als das gesamte Podest und Platz vier. Audi und Mercedes sorgten für ein Rennen, das hohe Wellen schlug...

Hohe verbale Wellen

Wie schon in den vergangenen Jahren merkte man auch in Zandvoort erstmals, wie sich der Titelkampf zuspitzt. Eine doch recht überschaubare Zahl an strittigen Szenen auf der Strecke - so ging es vor allem um zwei Duelle -, zu der sich ein allzu hitziger Boxengassenkampf gesellte, reichte aus, um die Stimmung zwischen den beiden Lagern zu vergiften. Die Vorwürfe schlugen hohe Wellen: "Audi sollte auf diesen Sieg nicht stolz sein", kommentierte Spengler den Vierfach-Sieg der Ingolstädter. Dass es dabei gleich zwei Mal die Stuttgarter Zandvoort-Speerspitze Bruno Spengler traf, der seinerseits nur äußerst selten durch umstrittene Manöver auffällt, trug nicht zur Entspannung des Konflikts bei. "Es war unfair, mich so zu überholen", warf Spengler seinem Lieblingsfeind Timo Scheider vor, dem ein Überholversuch erst nach mehrfacher, aus Audi-Sicht legitimer Berührung gelang.

Wenig galant zeigte sich nicht nur aus Spenglers Sicht auch Christian Abt, der den HWA-Piloten nach seinem Boxenstopp beim Einfädeln auf die Fast Lane berührte und nicht von seiner Seite weichen wollte: "Es war genug Platz für zwei Autos. Auch für den Mann, der ausgangs der Boxengasse stand, war das sehr gefährlich." Zwischen Tom Kristensen und Bernd Schneider schieden sich die Geister: Nach der Boxenausfahrt des Dänen beanspruchten die letztjährigen Titelkontrahenten beide die innere Linie und touchierten sich leicht. Vor der zweiten Kurve ruinierten sich die Duellanten endgültig ihre Autos. "Auf der folgenden Geraden fuhr mir Kristensen ohne Grund ins Auto", beklagte Schneider, während sich der Audi-Veteran, zeitweise mit der linken Fahrzeugseite neben der Strecke, fragte, wieso Schneider ihm nicht etwas mehr Platz ließ.

Entscheidungen ohne Wellenlinien

Verwarnungen und eine Geldstrafe von jeweils 2.000 Euro für Christian Abt und Alexandros Margaritis, die sich den Vorwurf des Blockierens in der Boxengasse gefallen lassen mussten: Trotz der Vielzahl an Diskussionen um Sportlichkeit oder Unsportlichkeit von Fahrmanövern blieb die Liste der Strafen kurz. Hatte die alte Rennleitung auch in Zandvoort 2006 mit ihrer Neigung, lieber eine Durchfahrtsstrafe zu viel als zu wenig zu verteilen, für Gesprächsstoff gesorgt, so blieben ihre Nachfolger um Renndirektor Sven Stoppe ihrer bisherigen Linie treu: Im Zweifel für den Angeklagten.

"Es hätte nicht erlaubt sein dürfen, dass Fahrer andere Konkurrenten nur mithilfe von Berührungen passiert haben", lautete Gary Paffetts Kommentar zum Vorgehen der Rennleitung - und warf die Frage auf, ob die strittigen Manöver tatsächlich "nur" wegen der beklagten Berührungen erfolgreich vonstatten gehen konnten. Nachdem sich die DTM in den vergangenen Jahren auf überholfeindlichen Strecken oftmals mit wenig attraktiven Prozessionsfahrten plagte, zeichnete sich: Der Mut zu überholen steigt bei den Piloten wieder; die Rennen gewinnen auch abseits rennstrategischer Kämpfe an Attraktivität.

Mit frühen Stopps auf der Erfolgswelle

Die ersten Runden waren geprägt von der Furcht vor einem größeren Regenschauer und einem ersten Kräftemessen, das letzte Renndrittel von zahlreichen Überholmanövern an der Spitze - dazwischen jedoch wurde es gewohnt unübersichtlich. Groß präsentierte sich das Fenster, in dem die beiden Pflichtboxenstopps absolviert wurden, nachdem man sich im Rennen weniger mit abbauenden Reifen geplagt hatte als gedacht. Auch ohne Safety-Car-Phase setzte sich die Taktik zweier früher Boxenstopps diesmal durch, wie insbesondere die Audi-Spitze demonstrierte: Während sich die nach dem Start nur dritt- und viertplatzierten Martin Tomczyk und Alexandre Prémat mit frühen Stopps nach ganz vorne begaben, hatte Mattias Ekström nicht nur wegen eines missglückten zweiten Boxenstopps ebenso Mühe wie Timo Scheider, am Ende wieder auf das deutsch-französische Duo aufzuschließen.

Die Taktik, den zweiten Boxenstopp möglichst weit hinauszuschieben, zahlte sich für Jamie Green im HWA-Mercedes ebenso wenig aus wie für Mathias Lauda im Mercedes-Jahreswagen. "Eigentlich wollte ich so früh wie möglich zum ersten Stopp, aber dann haben wir uns entschieden, bis Runde 23 draußen zu bleiben. Auf diesem langen ersten Stint bekam ich allerdings große Probleme mit dem Übersteuern, der Reifendruck wurde vor allem hinten immer höher", beklagte der Österreicher eine nicht aufgegangene Taktik, die ihn am Ende von Startplatz 17 auf Rang 15 brachte. Zum Leidwesen der HWA-Piloten war noch nicht einmal ein Abt-Audi längere Zeit auf Lauda aufgelaufen...

Per Funkwelle zur Meisterschaft?

Pfiffe, Buhrufe, nach unten zeigende Daumen: Audi hätte sich eine schönere Kulisse für den größten Erfolg der Markengeschichte in der neuen DTM vorstellen können. An einen internen Positionswechsel des Führungsquartetts aus Alexandre Prémat, Martin Tomczyk, Timo Scheider und Mattias Ekström hatte bis wenige Meter vor Schluss niemand glauben wollen - obwohl nicht nur Tom Kristensen Schützenhilfe für Ekström und Tomczyk angedeutet hatte. "Wichtig ist, dass möglichst viele Punkte für Mattias Ekström herausspringen", hatte Teamchef Hans-Jürgen Abt am Samstag klare Prioritäten gesetzt, während sich Alexandre Prémat von Startplatz vier aus in den Dienst der Marke stellen wollte: "Jetzt will ich den 2007er-Autos bestmöglich im Kampf um die Meisterschaft helfen."

Dass Mattias Ekström es per Funkspruch vorbei an Timo Scheiders aufs Podest schaffte, blieb nicht verschwiegen - womit Audi nicht als erste Marke zu einem Mittel griff, das im Sinne des Sports wenig wünschenswert ist. Auch wäre Alexandre Prémat ein verdienter Triumphator gewesen, wenngleich Martin Tomczyk nicht unverdient siegte: Als im Rennen schnellster Pilot in Abt-Audi-Reihen hatte er gegen Prémats Überholversuch kaum Gegenwehr geleistet, als ihn ein mysteriöses Reifenproblem ereilte: "Beim Einlenken in Kurve 3 bin ich immer wieder einfach weiter geradeaus gefahren und habe nur in dieser Kurve Runde für Runde anderthalb Sekunden verloren."

Nach zuletzt fünf Mercedes-Triumphen in Folge zeigt sich der Audi-Vorsprung in der Meisterschaft überraschend deutlich: Bei zwölf bzw. vier Punkten Vorsprung auf Bruno Spengler im bestplatzierten Mercedes steht schon jetzt fest, dass auch zum übernächsten Rennen in Barcelona mit Ekström oder Tomczyk ein Audi-Pilot als Meisterschaftsführender reist. "Die Titelchancen sind gering, aber ich werde nun versuchen, Bruno Spengler zu helfen. Er sollte gute Chancen haben, noch nach ganz vorne zu kommen", gab Bernd Schneider nach dem Rennen Anlass zum Staunen, zumal sein Rückstand auf Spengler überschaubare 0,5 Punkte beträgt. Bleibt doch weiterhin die Wunsch, dass auch markenintern auf dem Nürburgring nur echte Überholmanöver stattfinden...

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