Der Durchbruch hätte für Jamie Green 2007 endlich folgen sollen - stattdessen dominieren sechste Plätze. Gegenüber der adrivo Sportpresse reflektiert der Brite

Vor einem Jahr warst du auf dem Norisring klar auf Siegkurs, bevor du ein unangenehmes Zusammentreffen mit Christian Abt hattest. Seitdem wartest du auf den ersten Sieg. Wären die vergangenen Monate anders verlaufen, wenn du dich damals vom Druck des ersten Sieges hättest befreien können?
Jamie Green: Das ist schwer zu sagen. Ich mache mir keine Gedanken darüber, was hätte sein können. Letztlich kann ich keine anderen Menschen dafür beschuldigen, dass die Erfolge für mich bisher ausgeblieben sind. Seit dem letzten Jahr habe ich viel Pech gehabt, aber ich muss die Dinge so nehmen, wie sie sind, und daraus lernen.

Welche Lehren hast du aus dem damaligen Vorfall mitgenommen?
Jamie Green: Christian ist ein Fahrer, der immer am Limit kämpft. Soweit ich mich erinnere, wurden ihm keine blauen Flaggen gezeigt, was ein Fehler der Rennleitung war. Christian hat anscheinend nicht realisiert, dass er gegen einen Fahrer kämpft, der schon fast eine Runde Vorsprung hat. Vielleicht hat er mich auch mit Stefan Mücke verwechselt - auch er fuhr damals einen weißen Mercedes... Schade, dass das damals so gelaufen ist.

In der Vergangenheit bist du von der Rennleitung überdurchschnittlich häufig bestraft worden, nun gibt es eine neue Rennleitung. Wie bewertest du generell ihre Leistung?
Jamie Green: Das Problem bei der alten Rennleitung war, dass sie in ihren Entscheidungen nicht wirklich konsequent waren. Manchmal gaben sie wegen Fahrzeugkontakts bereits Durchfahrtsstrafen, manchmal nicht. Vielleicht haben sie ihre Entscheidungen während des Rennens zu schnell getroffen. Wenn man eine Durchfahrtsstrafe bekommt, ist das Rennen schon gelaufen, und es lohnt nicht, nach dem Rennen noch darüber zu diskutieren - denn die Rennleitung kann die Entscheidung nicht mehr rückgängig machen, selbst wenn sie sich in der Analyse als falsch herausstellt. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoller, die Entscheidungen nach dem Rennen in einer entspannteren Atmosphäre zu treffen. Dann könnte man mit den Fahrern sprechen, sich die Daten beider Fahrzeuge und die Aufzeichnungen detailliert ansehen und im Nachhinein Zeitstrafen nach einem festgelegten Raster vergeben.

Hat die neue Rennleitung nun einen anderen Weg eingeschlagen?
Jamie Green: Es scheint so, dass sie ausführlicher analysieren und den Details mehr Beachtung schenken. Für eine Bewertung ist es noch etwas zu früh, aber ich bin guter Hoffnung. In Nürnberg hat die Rennleitung im Fahrerbriefing noch einmal Szenen aus Brands Hatch angesprochen und gesagt, was wir als Fahrer besser machen können; beispielsweise, was die Beachtung gelber oder blauer Flaggen angeht. Gleichzeitig hat die Rennleitung während des Briefings auch die Verbesserungsvorschläge der Fahrer angehört und versprochen, sie umzusetzen. So sollte es sein - und es zeigt, dass sich die neue Rennleitung bis ins Detail mit den Rennen beschäftigt.

Welche Chancen siehst du für dich mit Blick auf die Meisterschaft?
Jamie Green: Zurzeit ist noch vieles offen. Bisher hatte ich einen schwierigen Saisonverlauf: In Hockenheim hatte ich ein schwaches Qualifying, aber ein starkes Rennen, in Oschersleben bekam ich eine Durchfahrtsstrafe, die mich einen Podestplatz gekostet hat. Mit dem Rennen auf dem Lausitzring konnte angesichts der Safety-Car-Phasen niemand zufrieden sein, und in Brands Hatch hatte ich das Pech, die absolut schnellste Qualifying-Runde unter roten Flaggen zu beenden. Von Platz sieben statt von der Pole Position zu starten, hat es nicht einfacher gemacht. Das Potenzial ist noch immer voll da, aber bisher hat es für mich noch nie ganz zusammengepasst. Es gibt noch fünf Rennen, in denen sich das ändern kann.

Solltest du selbst nicht mehr in den Titelkampf eingreifen können: Wärest du bereit, Bernd Schneider zu unterstützen?
Jamie Green: Als professioneller Fahrer ist es unsere Aufgabe, auch für das Team als Ganzes zu arbeiten, und genau das tun wir auch.

Der Tourenwagensport hat in Großbritannien eine lange Tradition. Inwieweit verfolgst du die heimischen Serien?
Jamie Green: In den 90er-Jahren waren die britischen Tourenwagenserien enorm populär, es gab viele Hersteller, die sich engagiert haben. Zurzeit gibt es in Großbritannien leider kaum noch Marken, die ihr Geld in britische Serien investieren. Manchmal verfolge ich die Rennen nach wie vor im Fernsehen. Die Rennen sind unterhaltsam, die Rennstrecken haben viel Charakter, aber die Autos sind technisch nicht sehr reizvoll. Sie sind wesentlich langsamer als ein DTM-Auto - ein britischer Tourenwagen wäre für mich keine Alternative... Auch wenn die Briten nach wie vor viel Interesse an ihrem Tourenwagensport zeigen, ist die DTM schon ein anderes Level.

Wie hat sich das Interesse an der DTM in Großbritannien entwickelt?
Jamie Green: Mit Gary Paffetts DTM-Titel 2005 und auch meinem Einstieg in die Serie hat die Aufmerksamkeit einen Schub erhalten. Nun gibt es Paul Di Resta, der ebenfalls sehr konkurrenzfähig ist. Wir haben Adam Carroll, der ein starker Fahrer ist, aber sich noch eingewöhnen muss. Mit Susie Stoddart kommt ein Viertel der DTM-Piloten aus Großbritannien - da bleibt zu hoffen, dass das Interesse weiter wächst.

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