Auch wenn die Startaufstellung eine deutliche Sprache spricht: Es gibt durchaus andere Szenarien als einen ungefährdeten Audi-Sieg...

Eigentlich scheint es nur ein Szenario zu geben: Ingolstadt triumphiert. Dennoch könnten für den sechsten Saisonlauf in Mugello auch andere Drehbücher zum Einsatz kommen: So wäre es für Audi möglicherweise ein Leichtes, sich selbst beinahe ein Bein zu stellen - und Mercedes könnte auf wundersame Weise den Weg aus dem Abstimmungsirrgarten finden...

Das erste Szenario

Fiktion... "Der Champagner in der Audi-Hospitality ist kaltgestellt, das Rennen ohne Zwischenfälle gestartet, an der Spitze ist ein Audi-interner Kampf um den Sieg entfacht. Zwar hält sich Tom Kristensen nach seiner Ankündigung, fortan für Mattias Ekström und Martin Tomczyk zu fahren, so weit zurück, dass er beim Vorhaben, Tomczyk passieren zu lassen, versehentlich die halbe Mercedes-Armada durchlässt. Auch Jamie Green gelingt es, nach einem mäßigen Start noch an dem Dänen vorbeizurutschen. Unter den restlichen Abt-Audi-Piloten werden jedoch keine Geschenke verteilt:

Ekström, Tomczyk und Timo Scheider attackieren sich hart, stehende Räder sind im Schnitt alle 500 Meter auszumachen. Schon nach den ersten sechs Runden sind die Reifen der drei Kampfhähne unbrauchbar, der erste Boxenstopp steht an. Auch die zweiten und dritten Reifensätze halten nicht lange - Dr. Wolfgang Ullrich bittet seine drei Schützlinge per Funk vergeblich um Mäßigung. Nachdem die zehn erlaubten Slick-Sätze je Wochenende aufgebraucht sind, muss die Audi-Truppe auf die noch weicheren Regenreifen zurückgreifen - und den Schweden sowie die beiden Deutschen im Intervall von drei Runden zum Reifenwechsel auffordern. Dem Dreifach-Sieg der Abt-Audi-Truppe tut dies keinen Abbruch..."

... und Realität: Selbst wenn es gemessen an den Warm-up-Zeiten für den Ingolstädter Spitzenreiter rein theoretisch gar für einen dritten Boxenstopp reichen würde, ohne einen HWA-Mercedes vorbeiwinken zu müssen: Die gestrige Dominanz darf bei Audi nicht zur Nachlässigkeit führen. Allzu eifrige teaminterne Kämpfe sollten tatsächlich vermieden werden, um mit Blick auf die Standfestigkeit der Dunlop-Pneus nicht in unnötige Probleme zu geraten. Was durchaus nicht ganz einfach ist:

So muss Martin Tomczyk in Mugello dringend vor Mattias Ekström ins Ziel kommen, um mit Blick auf die Meisterschaftstabelle weiterhin auf gleicher Augenhöhe mit dem Schweden um den Titel kämpfen zu können. Rennstrategisch gibt es zumindest im Neuwagenlager keinen Bedarf für taktische Abenteuer: Auch mit konservativ getimten Boxenbesuchen und gleichmäßig langen Stints, die den Reifenverschleiß in Grenzen hielten, liegt der zweite Saisonsieg in Reichweite.

Das zweite Szenario

Fiktion... "Mike Coughlan kann es nicht mit ansehen: Fassungslos verfolgt der Brite im Fernsehen, wie ungelenk sich Mercedes auf der Ferrari-Hausstrecke Mugello präsentiert. Der wegen der Spionageaffäre in der Formel 1 suspendierte Chefdesigner von McLaren-Mercedes blättert in den von Ferrari-Ingenieur Nigel Stepney zugespielten Unterlagen - und findet detaillierte Setup-Pläne der Scuderia für ihre Heimstrecke. Zwar zweifelt auch Coughlan, ob sich die Formel-1-Abstimmung auch nur halbwegs auf den DTM-Boliden von Mercedes übertragen lässt. Doch einen Versuch ist es wert...

Mit anonymem Absender und geschwärzten Ferrari-Schriftzügen lässt Coughlan den Stuttgartern die entsprechenden Seiten zukommen. Diese können ihr Glück kaum fassen: Auf Anhieb verstehen die Mercedes-Ingenieure, wieso sie sich im Abstimmungslabyrinth von Mugello dermaßen verirrt haben. Die Herkunft der Seiten interessiert nur zweitrangig - in Windeseile wird das Setup der zehn C-Klassen vollständig umgebaut. Im Rennen hat Audi keine Chance mehr: Wie ausgewechselt pflügen die Mercedes-Piloten durch das Feld. Ergebnis ist ein Fünffach-Sieg der Stuttgarter."

... und Realität: Von der Legalität der Aktivitäten im Mercedes-Lager ist zweifelsohne auszugehen, von einem Mercedes-Sieg hingegen weniger. Nach dem wohl schlechtesten Qualifying-Resultat der Stuttgarter in der Geschichte der neuen DTM überwog bei Mercedes die Hoffnung, bis zum Rennen zumindest ein konkurrenzfähiges Renn-Setup erarbeiten zu können. Das Warm-up schien jedoch zu bestätigen: Auch auf den Longrun gesehen hat Mercedes seit Freitag keine bedeutenden Fortschritte mehr erzielen können.

So bleibt wie zuletzt für Audi auf dem Norisring das Streben nach der bestmöglichen Schandensbegrenzung: Der auf Startposition sechs platzierte Bruno Spengler präsentierte sich in diesem Jahr auch im Rennen als sichere Bank - und dürfte mit einer gelungenen Taktik zumindest in Podestnähe rücken. Und während Jamie Green, einen guten Start vorausgesetzt, Selbiges zuzutrauen ist, steht hinter Bernd Schneider und Mika Häkkinen noch ein Fragezeichen: Groß ist die Gefahr, von den mittelmäßigen Startpositionen der beiden HWA-Veteranen aus in Startunfälle verwickelt zu werden, hoch ist die Wahrscheinlichkeit, trotz der Länge der Strecke vergeblich auf die strategisch so wichtige freie Fahrt zu warten.

Copyright: adrivo Sportpresse GmbH