Mitte Mai erlebt das mit Fußball-Höhepunkten wahrlich nicht reichlich gesegnete Mitteldeutschland eine bemerkenswerte Veranstaltung : die U-17-Junioren-Europameisterschaft mit dem Finale am 18. Mai in Magdeburg. Sportlich laufen die Fäden bei DFB-Sportdirektor Matthias Sammer zusammen. Volksstimme-Redakteur Rudi Bartlitz sprach mit dem 41-jährigen Ex-Dresdner.

Volksstimme : Sie sind gewissermaßen ein gebranntes Kind, haben selbst bei einer U-18-EM gespielt. Welche Erinnerungen kommen da auf ?

Matthias Sammer : Eigentlich nur die besten. Es stimmt, wir haben 1986 mit der DDRMannschaft in Jugoslawien die Europameisterschaft gewonnen. Heute sage ich in der Rückschau sogar : Dieser Titel war, trotz EM-Sieg 1996 und deutscher Meisterschaft, der wichtigste für mich überhaupt in meiner Laufbahn. Weil er mir zum ersten Mal gezeigt hat, dass ich zusammen mit der Mannschaft in der Lage bin, etwas zu gewinnen. Das gibt Selbstvertrauen.

Volksstimme : Stichwort Selbstvertrauen. Das verlangen Sie auch von der aktuellen Mannschaft.

Sammer : Natürlich. Weil ich auch weiß, wie es ist, wenn man es nicht hat. Als wir vor der Wende als Junioren einmal in Braunschweig vor 26 000 Zuschauern spielten, haben wir die Partie nicht verloren, weil wir schlechter waren, sondern weil uns die Kulisse derart beeindruckt hat. Das vergisst man nicht, das prägt.

Volksstimme : Volle Häuser, die streben Sie auch für die EM im Mai an.

Sammer : Zunächst hieß es, wenn wir in den zwölf Spielorten volle Stadien haben, haben wir schon einiges erreicht. Aber inzwischen sagen wir : Das ist für uns ein sehr wichtiges Turnier. Deshalb stellt sich die Mannschaft die Aufgabe, am Ende im Finale zu stehen und dort erfolgreich zu sein. Kurz gesagt : Wir wollen in Magdeburg den Pokal holen.

Volksstimme : Und die Konkurrenz ?

Sammer : Die ist sehr stark. Nehmen wir nur Titelverteidiger Spanien. Jeder aktuelle Nationalspieler aus dem Land des Europameisters ist durch die Schule der Junioren-Vertretungen gegangen. Das heißt, diese Leistungen wurden gezielt vorbereitet. Nehmen wir nur Torhüter Iker Casillas. Der hielt 1997 im Finale der U-16-EM den entscheidenden Elfmeter und ist heute eine Stütze im Europameister-Team.

Volksstimme : Sie haben als Sportdirektor engen Kontakt zum deutschen U-17-Team. Wie werden die letzten Wochen der Vorbereitung verlaufen ?

Sammer : Es sind ja nur noch neun Wochen. Wir hatten die Jungs gerade wieder zwei Tage zu Leistungstest zusammen. Wir werden noch einige Länderspiele bestreiten, unter anderem im März zweimal gegen die Ukraine, und noch ein bis zwei Trainingslehrgänge absolvieren. Das läuft alles schon sehr professionell ab.

Volksstimme : Doch Fußball soll, wie man hört, für die Jungs nicht alles sein.

Sammer : Wir verlangen von unseren Spielern, abseits von sportlichen Erfolgen, auch bestimmte Verhaltensweisen. Das betrifft das Auftreten ebenso wie die Fairness. Auch wenn die Spieler noch sehr jung sind, sie haben eine gewisse Vorbildwirkung.

Volksstimme : Überraschend waren auf den ersten Blick Tag und Uhrzeit des Finales in Magdeburg : An einem Montag um 11 Uhr. Welche Überlegungen stehen dahinter ?

Sammer : Zuallererst unser Zielpublikum : die Jugend. Vor allem Kinder und Jugendliche wollen wir mit den Spielen anlocken – das muss sich dann auch in den Anstoßzeiten ausdrücken. Wenn wir Begeisterung in den Stadien erzeugen und nicht vor leeren Rängen spielen wollen, müssen wir dafür auch bestimmte Organisationsformen finden. Hätten wir beispielweise abends gespielt, würden wir viele Jüngere ausgrenzen.

Volksstimme : Aber der normale Arbeitnehmer wird kaum montags Vormittag im Stadion zu finden sein.

Sammer : Richtig. Wir gehen ohnehin davon aus, dass der Anteil, ich sage einmal, normaler erwachsener Zuschauer einen bestimmten Rahmen nicht überschreitet. Hinzu kommt, dass die Spiele europaweit im Fernsehen zu sehen sein sollen. Auch da bietet sich der Vormittag an.

Volksstimme : Nun haben Sie sich in Magdeburg selbst vom Stand der Vorbereitungen überzeugt. Wie fällt ein erstes Urteil aus ?

Sammer : Es ist beeindruckend, was hier bisher im Zusammenwirken von Land, Stadt und Fußballverband auf die Beine gestellt wurde. Auch die Aktionen an den Schulen gefallen mir sehr gut.

Volksstimme : Magdeburg ist auch noch aus einem anderen Grund in Ihrer Erinnerung.

Sammer : Ja, im Grubestadion habe ich als junger Spund mit Dynamo Dresden mein erstes Oberligaspiel überhaupt gemacht. Das vergisst man nicht.