Die lange, lange Suche nach dem Sympathiefaktor bei der WM in Brasilien ist zu keinem Ergebnis gekommen: Argentinien hat ihn einfach nicht. Argentinien hängt diese furchtbare Weltmeisterschaft im eigenen Land vor 36 Jahren zu sehr nach - vom "blutverkrusteten Ball" wurde später geschrieben. Während der Ball nämlich rollen durfte, wurden unweit aller WM-Stadien die geistigen Gegner der damaligen Militärdiktatur unter Jorge Videla brutal gefoltert - und getötet.

Und das sportliche Finale gegen die Niederlande erreichte die argentinische Nationalmannschaft auch nur deshalb, weil beim 6:0-Sieg zuvor gegen Peru der Videla-Staat wohl reichlich Einfluss genommen hatte auf das Ergebnis, mit dem sich Argentinien aufgrund des besseren Torverhältnisses gegenüber Brasilien (8:0 zu 6:1) an die Spitze der damals noch ausgetragenen Zwischenrunde und damit ins Finale schoss.

"Das Fest aller", wie das Land und der Weltverband Fifa das Turnier bewarben, wurde zur "Schande aller" - und die Gastgeber gewannen auch noch den Titel durch ein 3:1 nach Verlängerung gegen "Oranje".

Selbst Argentiniens begnadetes Kind des Fußballs, Diego Armando Maradona, konnte in den Folgejahren mit seinem Zauber den trüben Blick auf diese WM nicht verwischen. Im Gegenteil, er trübte ihn nur noch mehr: als "die Hand Gottes", als Dopingsünder, als Drogenkonsument, der seine große Kunst in den menschlichen Abgrund getrieben hat oder von ihr dorthin getrieben wurde, als hilfloser Trainer, der im Viertelfinale der WM 2010 in Südafrika der deutschen Mannschaft nichts entgegenzusetzen hatte (0:4).

Nicht mal der tieftraurige Maradona wusste danach zu rühren, dafür wusste er schrecklich zu nerven. Argentinien und Maradona haben es seit 1978 nicht mehr geschafft, den Eindruck vom ehrlichen Sieger zu vermitteln. Und im Moment einer ehrlichen Niederlage mag man bis heute partout kein Mitleid empfinden.

Jede neue Generation muss dennoch die Chance erhalten, sich auch von seiner schlimmsten Vergangenheit zu befreien, der Generation um Lionel Messi mag das irgendwie noch nicht gelingen, weil latente Arroganz auch ihr ständiger Begleiter ist. An diesem Mittwoch spielt Argentinien erneut gegen die Niederlande, diesmal im Halbfinale in Brasilien. Der Gegner im Endspiel steht schon fest: Deutschland. Am kommenden Sonntag erwartet die Menschenmassen in Rio, beim Public Viewing und vor den Bildschirmen mal wieder ein historisches Fußball-Ereignis - hoffentlich ohne einen faden Beigeschmack.

So sehr man sich nun bemüht, eine lustige Randnotiz für das zweite Halbfinale zu entdecken: Es gibt keine. Man könnte sich mit dem Vergleich Rindersteak gegen Käse aufhalten, man könnte auch die argentinische Herkunftsgeschichte von Königin Maxima, Prinzessin der Niederlande, erzählen (die sogar einigermaßen zur Versöhnungsgeschichte taugen würde, weil ihr Vater unter der Videla-Diktatur der Landwirtschaftsminister war), oder man könnte mit Messi und Arjen Robben zwei geniale Spieler ihrer Länder erklären - alles würde sich nicht lohnen. 1978 ist noch zu nah; und Maradona noch viel näher.

Aber man kann die Künste der beiden Mannschaften kurz zusammenfassen: Argentinien kann irgendwie nur defensiv, obwohl der wohl schlechteste Keeper der WM der Abwehr den nötigen Rückhalt geben soll. Ohne den verletzten Angel di Maria fehlt noch mehr Kreativität in der Offensive. Selbst Messi dürfte es schwerfallen, den magischen Moment zu finden. Holland spielt eigentlich weniger defensiv, als es zuletzt kolportiert wurde. Holland hat einen guten Torhüter für (wenn es sein muss) 120 Minuten und einen für die Elfmeter. Holland hat neben Robben auch noch Robin van Persie und Wesley Snejder oder den "alten" Dirk Kuijt. Und Holland hat ein ziemlich großartiges Turnier gespielt.

Das Finale darf also gerne lauten: Deutschland gegen Niederlande. Deren Duelle der Vergangenheit sind trotz Spuck-Attacke eines gewissen Frank Rijkaard gegen "nur einen" Rudi Völler bei der WM 1990 keine Schande mehr, die Versöhnung hat längst stattgefunden.