Rio de Janeiro - Luiz Felipe Scolari hat die Favoritenrolle für die WM nie weggeschoben, sondern mit breiter Brust angenommen. Allmählich steigt aber auch beim so erfahrenen Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft die Nervosität.

"Es gibt Tage, da bin ich ruhig und entspannt", erklärte der 65-Jährige inmitten der Vorbereitung. "Aber es gibt Tage, da laufen die Dinge nicht richtig, da kann ich nicht schlafen, da zermartert man sich das Gehirn."

Die Erwartungen an das Gastgeber-Team sind immens: Am 13. Juli soll in Brasilien die größte Party in der Geschichte des fußballverrückten Landes steigen. Doch der Weg zum Endspiel im legendären Maracanã von Rio de Janeiro könnte für Brasilien ein steiniger werden - bereits im Achtelfinale drohen Titelverteidiger Spanien, Vize-Weltmeister Niederlande oder der südamerikanische Rivale Chile. "Ich habe diesen Job angenommen, weil ich zu 100 Prozent sicher bin, dass ich mit Brasilien den Weltpokal gewinnen werde", sagte Scolari einst.

16 Jahre nach dem 2:0-Triumph von Yokahama gegen Deutschland hofft der fünffache Weltmeister auf die "Hexacampeão" - und dass Scolari wie schon als Chefcoach 2002 erneut der große Coup mit Brasilien gelingt. Mit breitem Kreuz stemmt er sich gegen Bedenkenträger und Kritiker. Scolari lebt einen Optimismus und eine Zuversicht vor, ohne den der Gastgeber erst gar nicht ins Turnier gehen bräuchte. Druck? "Wir haben eine Auswahl mit Jungs, die auch zum Spaß spielen, die nicht nur Profis sind", erklärte Scolari bei der Bekanntgabe des 23-köpfigen Aufgebots vor über 700 akkreditierten Journalisten.

"Klar spüre ich den Druck", sagte der beinharte Innenverteidiger David Luiz vom FC Chelsea. "Jeder liebt hier den Fußball - 200 Millionen Menschen wollen im Kader sein. Jeder träumt davon, dass einer aus seiner Familie in der Mannschaft ist." Er und seine Mitspieler seien "eine glückliche Generation - und wir sollten es genießen."

Aber sein Kollege Paulinho ahnt schon, dass dem Favoriten beim Eröffnungsspiel am 12. Juni gegen Kroatien die Knie zittern könnten. "Wie bei jeder Premiere erwarten wir eine komplizierte Partie. Das erste Spiel einer Fußball-WM ist spannungsgeladen, sogar noch mehr, weil wir zu Hause spielen", sagte der Mittelfeldspieler. Danach geht\'s in der Vorrunde noch gegen Mexiko und Kamerun.

Scolari setzt auf sein erfolgreiches Team vom Confederations Cup, das im vergangenen Jahr im Finale Spanien mit 3:0 besiegt hatte. Und auf Routiniers wie den 27-jährigen David Luiz, auf Torhüter Júlio César, der nur noch in Kanada bei Toronto FC spielt, auf Kapitän Thiago Silva von Paris St. Germain, Außenverteidiger Dani Alves vom FC Barcelona und Stürmer Fred von Fluminense. Und auch auf Luiz Gustavo vom VfL Wolfsburg im defensiven Mittelfeld. Innenverteidiger Dante vom FC Bayern gilt als Backup für David Luiz oder Thiago Silva.

Auch Luiz Gustavo weiß nur zu gut um die Erwartungshaltung bei der Heim-WM, nachdem Brasilien zuletzt zweimal im Viertelfinale gescheitert war. "Dieser Druck wird auch positiv sein, die Fans werden uns sehr unterstützen. Wir müssen versuchen, diesen Druck positiv mitnehmen. Das ist das Wichtigste", mahnte der 26-Jährige.

Scolari hat zwar ein bewährtes Team, aber dennoch 17 Profis im Kader, die noch nie eine WM gespielt haben - wie Neymar. Der 22-Jährige vom FC Barcelona, dessen Name auf fast allen kanariengelben Trikots steht, die irgendwo in Brasilien hängen oder getragen werden, soll der Superstar werden.