Neymar war dem FC Barcelona etwa 100 Millionen Euro wert. Für WM-Gastgeber Brasilien ist der lässige Stürmer der große WM-Hoffnungsträger.

Teresópolis (dpa) l Die Schultern, die das alles tragen sollen, sind ziemlich schmal: die Hoffnungen von 200 Millionen Menschen im fußballverrücktesten Land der Welt und die fast 100 Millionen Euro, die der Fußballprofi den FC Barcelona gekostet hat. Neymar da Silva Santos Júnior - oder Neymar jr. oder schlicht Neymar - soll Brasilien im eigenen Land zum sechsten WM-Titel schießen. Last oder Lust?

Der 22-Jährige liebt die große Bühne, die Show, die Spielerei, den Ball vor allem. All das könnte ihn bei diesem Turnier davor retten, unter den Erwartungen zusammenzubrechen. Keinen Druck empfinde er, sagte Neymar in den vergangenen Monaten immer wieder, "nur Freude und Stolz". Nach seiner selbstverständlichen WM-Nominierung zeigte er sich in der Öffentlichkeit dankbar. "Ich bin total berührt, gespannt, nervös vor dem, was bald kommt", sagte er.

Der neue Wunderknabe des Weltfußballs ist auch ein Kind seiner Zeit. Als Figur für die Playstation hätte man ihn kaum besser erfinden können: Mehr als zehn Millionen Follower bei Twitter, eine eigene Comicserie, größter Werbeträger für die junge Generation in Brasilien und auch für Klatsch-themen gut: Seine Beziehung mit der brasilianischen Telenovela-Schauspielerin Bruna Marquezine machte Schlagzeilen. Geheim ist die Identität der Mutter seines knapp zwei Jahre alten Sohnes David Lucca.

In allererster Linie aber ist Neymar ein begnadeter Fußballer. "Zu Hause habe ich immer Tische und Stühle hingestellt und sie umspielt", erinnert sich der Stürmer an seine Kindheit. Beim Pelé-Club FC Santos wurde er berühmt, 2011 und 2012 zu "Südamerikas Fußballer des Jahres" gewählt. In 49 Länderspielen gelangen ihm bisher 31 Tore.

Und jetzt soll der erste große, gleich der allergrößte Titel her für Neymar, der ähnlich selbstverliebt wirkt wie Weltfußballer Cristiano Ronaldo, aber viel lässiger. Mit unvergleichlicher Leichtigkeit und Zielstrebigkeit kann er durch die gegnerischen Abwehrreihen wirbeln.

"Neymar ist ein Fußballer, der jeden Tag anders spielt. Er improvisiert gut, er ist sehr schnell, sehr agil. Und er überrascht seine Trainer mit immer neuen Spielzügen", lobte Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari. Er folge, erklärte das Supertalent, bei seinen Aktionen immer seiner Intuition.

Beim FC Barcelona steht er noch im Schatten von Lionel Messi, der für Neymar "der Allergrößte ist". Doch im Gegensatz zum Argentinier blüht der Brasilianer in seiner Auswahl regelmäßig auf. "Neymar", erklärten seine Mitspieler Dani Alves und Fred dieser Tage unisono, "macht für Brasilien den Unterschied aus." Für Juca Kfouri, Brasiliens anerkanntesten Kommentator, ist Neymar beim Confederations Cup im vergangenen Jahr um zehn Jahre gereift. "Er hat sich nicht fallen lassen, er hat schöne Tore gemacht und war Anführer seines Teams, als es nötig war", sagte er.

Im Training am Montagabend in Teresópolis blieb Neymar nach einem Zweikampf liegen und hielt sich den Fuß. In Minutenschnelle eilte die Nachricht von einer Verletzung via Twitter durch die Netzwelt - während Neymar längst wieder auf den Beinen war und weiterkickte. Realität und Virtualität scheinen mitunter zu verschwinden bei dem Star mit der Nummer 10.

Unwirklich erschienen auch die Zahlen, die bei Neymars Transfer vom FC Santos zum FC Barcelona auftauchten. 57,1 Millionen Euro Ablöse hieß es zunächst, eine Ausstiegsklausel in Höhe von 190 Millionen Euro. Dann offenbarte Clubpräsident Josep Maria Bartomeu, dass die Ablöse bei 86,2 Millionen lag. Neymars Vater bestätigte, dass 40 Millionen an seine Agentur "N & N" geflossen sind: "Ich will Neymar die Ruhe geben, damit er die WM in diesem Jahr frei von Spekulationen spielen kann." Dann gab es noch einige Millionen für den FC Santos, am Ende lag das Gesamtpaket Neymar bei knapp 100 Millionen. Nicht eingerechnet die zehn Millionen Euro, die der Brasilianer im Jahr bei Barça verdient.