Santo André (dpa) l Kurs halten! Joachim Löw verfällt beim brisanten Wiedersehen mit Jürgen Klinsmann nicht in Aktionismus. Vor dem heiklen Gruppenfinale gegen das von seinem Vorgänger und Freund angeführte US-Team am Donnerstag in Recife (18 Uhr/ZDF) zeichnen sich weder ein Systemwechsel oder größere Personalrochaden noch eine Änderung der bisherigen WM-Strategie ab. Die Gefahr eines historischen WM-Knockouts der Nationalmannschaft ist gering, die Lust auf den 50. Pflichtspielsieg unter Löw dafür umso größer.

"Die Playoffs haben begonnen", erklärte Löws Assistent Hansi Flick. Vor der dritten Reise in den heißen Norden des Landes ließ der Bundestrainer am Dienstag seinen Matchplan nochmal im Geheimen einstudieren. "Wir wollen das Spiel gewinnen. Und ich bin überzeugt, dass die Mannschaft die passende Antwort gibt", sagte Flick vor dem hochintensiven Match.

Mit einem Unentschieden in der Arena Pernambuco stünden beide Teams im Achtelfinale. 32 Jahre nach der "Schande von Gijon", als Deutschland und Österreich bei der WM 1982 mit einem peinlichen Ballhaltefußball gemeinsam in die Zwischenrunde vorrückten, wollen sich Kapitän Philipp Lahm und seine Teamkollegen nichts nachsagen lassen.

Persönlichen Umgang gab es zwischen den langjährigen Vertrauten Löw und Klinsmann, die sich bei einem Fußballlehrer-Lehrgang 2000 in Hennef kennen und schätzen lernten, zuletzt ohnehin keinen. "Wir hatten mit Beginn der WM keinen Kontakt. Jeder hat sehr viel zu tun. Aber wir freuen uns, wenn wir uns sehen", erklärte Löw. Das einzige bisherige Länderspielduell der beiden vor einem Jahr in Washington gewann Klinsmann mit den US-Kickern 4:3. "Wir bekommen die 90 Minuten schon hin. Wenn das Spiel vorbei ist, gibt`s viele Umarmungen, und dann hoffen wir, dass beide weiter sind", ergänzte Klinsmann.

"Business as usual" ist dieses Trainertreffen aber nicht. Dafür hat Klinsmann zu große Spuren beim DFB-Team hinterlassen. "Wir zehren immer noch von der Zeit", bekannte Per Mertesacker (29), der unter Klinsmann vor zehn Jahren im Nationaltrikot sein Debüt gegeben hatte.

Ein Punkt reicht der beim Kunterbunt-Kick gegen Ghana kräftig durchgeschüttelten deutschen Elf, um die Gruppe G an der Spitze zu beenden. Ein Platz, der vermutlich auch wichtig ist, um im Achtelfinale den gefährlichen Belgiern von Marc Wilmots aus dem Weg zu gehen. Stand jetzt, würde auf Deutschland als Gruppengewinner Algerien warten.

Passiert im Parallelspiel zwischen Portugal und Ghana nichts Ungewöhnliches, dürfte sich die DFB-Auswahl in Recife, dem "Venedig des Südens", sogar eine knappe Niederlage gegen die US-Elf erlauben. In den zwei bisherigen WM-Duellen beider Länder (1998, 2002) setzten sich die Deutschen jeweils ohne Gegentor durch. Ein Zitter-Weiterkommen wie zuletzt 2010 beim 1:0 gegen Ghana oder eine Qual wie 2002 beim 2:0 gegen Kamerun ist für Thomas Müller und Co. diesmal auf dem Weg ins Achtelfinale kaum zu erwarten.

Die Personalsituation im deutschen Team bereitet Löw jedenfalls kaum Sorgen. Müller ("Ich sehe ein wenig wie ein Boxer aus"), in der Schlussminute gegen Ghana bei einem Zweikampf niedergestreckt und später am Auge genäht, wird auflaufen können. Auch Jérome Boateng brennt nach seiner zweiten Turnierverletzung auf die Kraftprobe mit den ultra-athletischen US-Boys. Und Sami Khedira? Nach der raschen Genesung des 27-Jährigen ist offen, wen Löw im Mittelfeld an die Seite von Lahm und Toni Kroos beordert.