Porto Alegre (dpa) l Deutschland spielt wieder mit Libero. Die tollkühn wirkenden Rettungstaten von Torwart Manuel Neuer außerhalb seines Strafraumes waren ein Spektakel und zugleich der Grundstein beim Zitter-Einzug der deutschen Nationalmannschaft ins WM-Viertelfinale. Von einer "überragend guten Leistung" seiner Nummer 1 gegen Algerien schwärmte Joachim Löw. "Neuer hat uns vor einigen ganz gefährlichen Situationen bewahrt, weil er als Libero agiert und in letzter Sekunde gerettet hat", sprach der Bundestrainer nach dem 2:1-Erfolg nach Verlängerung am Montagabend in Porto Alegre.

Bundestorwarttrainer Andreas Köpke scherzte, einen besseren Libero habe er selten gesehen, "den Franz Beckenbauer vielleicht". Aber der deutsche Fußball-"Kaiser" war in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Feldspieler und kein Torwart. "Ich helfe, wo ich kann", sagte der bestaunte Neuer selbst und gestand: "Klar, ich habe in der einen oder anderen Situation Kopf und Kragen riskiert."

Etwa in der 71. Spielminute, als er weit vor seinem Tor sogar mit dem Kopf gegen Islam Slimani klären konnte. "Das war etwas Bayern-like heute, so wie ich spielen musste", bemerkte Neuer amüsiert. "Ich versuche, da zu sein für meine Mannschaftskameraden." In einigen Situationen, gestand er, sei es "schon ein bisschen eng" gewesen.

Neuer selbst bewertet sein Tun als kalkuliertes Risiko. "Wenn ich Angst hätte, würde ich auf der Linie bleiben", beschrieb er das Spiel als Rettungsdienst hinter einer hochstehenden Abwehrkette. Es sei ein schmaler Grat, auf dem er wandeln müsse. "Aber ich kann da nicht das Zögern anfangen. Ich muss meine Entscheidung zu 100 Prozent durchziehen." Der Erfolg gibt ihm Recht: "Ich habe bis jetzt noch keine Rote Karte erhalten. Ich achte schon darauf, dass ich nicht vom Platz fliege", auch wenn es "manchmal schon eng ist".

Wolfgang Niersbach ergriff auf dem Rückflug ins WM-Quartier Campo Bahia das Bordmikrofon und lobte den Matchwinner in den höchsten Tönen. "Ich denke, wir alle können heute ein dickes Dankeschön an unsere Nummer eins loswerden. Manu, was Du heute geleistet hast, ist einfach absolute Weltklasse. Absolute Weltklasse", sagte der DFB-Präsident.

Das Algerien-Spiel bewies, warum Löw und Köpke so sehr gehofft hatten, dass der Bayern-Schlussmann nach der Schulterverletzung im DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund bis zur WM wieder fit werden würde. Denn die besonderen Libero-Qualitäten besitzt Deutschlands Nummer 2 Roman Weidenfeller nicht. "Manuel hat schon früher immer gezeigt, dass er ein Riesenkicker ist", bemerkte der langjährige Schalke-Kollege Benedikt Höwedes über den spielenden Schlussmann.

"Ich habe in meiner Freizeit schon immer gerne im Feld gespielt", erzählte Neuer, dessen Schulterblessur erst jetzt, mitten im Turnier, wirklich komplett ausgeheilt ist. "Man hat gesehen, dass ich heute auch erstmals wieder richtig abgeworfen habe", sagte er.

Im Kerngeschäft war Neuer gegen Algerien kaum gefordert. Die wenigen Bälle, die aufs Tor kamen, konnte er bis auf das nicht mehr entscheidende 1:2 von Abdelmoumene Djabou abwehren. "Er musste im Tor, auf der Linie, nicht überragend halten. Überragend war, wie er mitgespielt hat, weil die langen Bälle der Algerier auf ihre schnellen Stürmer immer gefährlich waren", kommentierte Löw. "Insgesamt sind diese Präsenz und das Antizipieren einmalig", sagte Köpke über die Libero-Qualitäten von Neuer.

Neuer ist ein Erfolgsgarant, beim FC Bayern und im Nationaltrikot. Von 49 Länderspielen mit ihm gewann Deutschland 38, nur drei gingen verloren; bei der WM 2010 gegen Serbien (0:1) und im Halbfinale gegen Spanien (0:1) sowie beim Halbfinal-K.o. gegen Italien (1:2) bei der EM 2012. Am Freitag im Finalort Rio de Janeiro bestreitet der 28-Jährige gegen Frankreich sein 50. Länderspiel. Zum Jubiläum wünscht sich Neuer den Einzug ins Halbfinale: "Wir brauchen aber mehr als 100 Prozent, um die Franzosen schlagen zu können." Und einen Libero Neuer in der Galaform von Porto Alegre.