Teresópolis (dpa) l WM-Gastgeber Brasilien will die Debatten um heulende Spieler, nervliche Anspannung und psychologische Betreuung ein für allemal beenden. "Weniger Herz und mehr Fußball", das räumten Cheftrainer Luiz Felipe Scolari und der Technische Direktor Carlos Alberto Parreira ein, müsse die Seleção im Viertelfinale gegen Kolumbien am Freitag (22 Uhr/MESZ) zeigen. Teamleitung, Fans und Experten sind sich einig: Wenn Neymars Kollegen nicht endlich den Druck des Favoriten ablegen und befreit aufspielen, wird es nichts mit dem sechsten Titel für Brasilien.

In den vergangenen Tagen wurden Spieler wie Fernandinho und Ramires bei den Pressekonferenzen mehr nach Regina Brandão als nach "Felipão" Scolari gefragt. Brandão ist die Psychologin des Rekord-Weltmeisters und war auch jetzt wieder im Trainingscamp "Granja Comary" in Teresópolis. Der Brasilianische Fußball-Verband (CBF) sah sich angesichts des öffentlichen Interesses und der Kritik an der mentalen Verfassung des Teams am Dienstagabend genötigt, auf seiner Verbandsseite ein Erklärung der Dame abzugeben: "In Wirklichkeit war mein heutiger Besuch Teil unserer anfänglichen Planung", hieß es darin. "Ich konnte hier nicht lange bleiben, weil ich meine Vorlesungen an der Universität habe und meine Praxis... Ich spreche immer mit den Spielern, übers Internet."

Entzündet hatte sich die Debatte vor allem an Innenverteidiger Thiago Silva. Der Kapitän

"Die Mannschaft weint, wenn sie die Hymne singt, ... wenn sie sich verletzen, wenn sie Elfmeter schießen... Es reicht!"

Carlos Alberto Torres, Weltmeister 1970

hat schon beim Betreten eines WM-Stadions feuchte Augen, singt die Nationalhymne mit einer Inbrunst, als hinge das Ergebnis davon ab - und brach nach dem erfolgreichen Elfmeterkrimi gegen Chile auf dem Rasen zusammen. Auch andere Spieler wie Neymar, Júlio Cesar und David Luiz hielten danach ihre Tränen nicht zurück. Stürmerstar Neymar hatte schon mal in der Vorrunde die Rührung übermannt, als die Nationalhymne gespielt wurde.

"Die Mannschaft weint, wenn sie die Hymne singt, ... wenn sie sich verletzen, wenn sie Elfmeter schießen... Es reicht!", wetterte Carlos Alberto Torres, Spielführer der brasilianischen Weltmeistermannschaft von 1970, in der Zeitung "Extra". Die Profis, sagte Paulo Vinícius Coelho, Experte des TV-Sender ESPN Brasil, müssten mal den Ball flachhalten. Sowohl auf dem Platz, um endlich die Probleme im Mittelfeld zu bewältigen, als auch emotional.

Nach seiner Ansicht leidet das Team unter einem Art Barbosa-Effekt. Der Keeper war - sein Leben lang - der Sündenbock für den "Marcanazo", als Brasilien 1950 vor heimischem Publikum beim 1:2 gegen Uruguay den WM-Titel verspielte: "Alle haben Angst, der Sündenbock zu werden", sagte Coelho.

Und so suchen die Profis offenbar Hilfe, wo es nur geht. Ersatztorwart Victor berichtete, dass er Stammkeeper Júlio Cesar vor dem Elfmeterschießen gegen Chile einen Rosenkranz gegeben habe, woraufhin dieser mit zwei gehaltenen Strafstößen zum Helden wurde.

"Der eine oder andere Spieler hat mehr Emotionen gezeigt", erklärte Chelsea-Profi Mittelfeldspieler Ramires nüchtern. "Aber ich glaube, dass man im Fußball auf dem Platz dafür sorgen muss, dass die Dinge laufen - und nicht nur auf Glauben oder Glück hoffen."