Sao Paulo (dpa) l Legende Diego Maradona schimpfte über den "miesesten Schiedsrichter der letzten zehn Jahre", der frühere Top-Referee Urs Meier sprach in der ersten Empörung von einem "Treter-Festival" und DFL-Experte Hellmut Krug übte Generalkritik. Nach dem brutalen Foul an Brasiliens Stürmerstar Neymar und dessen WM-Aus ist die emotionale Debatte über die Schiedsrichterleistungen bei der Endrunde in Brasilien erneut hochgekocht. "Grundsätzlich gefällt der deutschen Schiedsrichterführung die Gangart bei dieser WM nicht", zog Krug in einem Telefon-Interview des TV-Senders Sky Sport News HD schon vor den letzten vier Turnierspielen eine negative Bilanz.

Der frühere Fifa-Referee, der die Deutsche Fußball Liga (DFL) in Schiedsrichterfragen berät, hat bei der Endrunde am Zuckerhut eine fatale Fehlentwicklung ausgemacht. "Bei dieser WM wollte man offensichtlich von Beginn an weniger Karten vergeben. Leider hat man den Mittelweg nicht gefunden. Die meisten Schiedsrichter waren zu großzügig und das entspricht nicht dem, was die nationalen Verbände und die Fifa schulen", kritisierte Krug die weltweit heiß diskutierten Auftritte der Spielleiter.

Auf 180 war Urs Meier. In einem Gastbeitrag für Focus Online schrieb sich der Schweizer den Frust von der Seele, den er nach dem Wirbelbruch von Neymar mit Millionen Fußball-Fans teilt. "Der Ball wird zur Nebensache. Die WM verkommt zu einem Treter-Festival", stellte Meier deprimiert fest. "Der Fußball bei dieser WM ist viel zu physisch und körperbetont, die Messlatte für Gelbe Karten viel zu hoch angesetzt worden. Es wird getreten, gehalten, gezerrt und gemeckert - die Grenzen werden auf jedem Gebiet überschritten. Die Referees lassen viel zu viel laufen und greifen kaum in die Brusttasche", schimpfte er weiter und behauptete: "Das hat die Fifa mitzuverantworten."

Die Kritik wird durch die WM-Statistik gestützt. Verteilten die Unparteiischen bei der WM 2010 in Südafrika noch 245 Gelbe Karten, waren es bei dieser Endrunde bis zum Halbfinale 168. Vor vier Jahren wurden insgesamt 17 Platzverweise ausgesprochen, bei dieser Endrunde sind es bisher erst zehn. Noch gravierender sind die Unterschiede zum Turnier 2006 in Deutschland.