Was für ein schönes Fußball-Fest am Zuckerhut. Brasilien hat der Welt gezeigt, wie mit Leidenschaft eine wunderbare WM zu organisieren ist. Der Sport stand dabei im Mittelpunkt. Selten wurde so klar, dass der moderne Fußball eine enorme Entwicklung genommen hat.

Rio de Janeiro (dpa) l "Obrigado Brasil" - danke Brasilien: Die Fußball-Welt verneigt sich vor dem WM-Gastgeber, der mit seiner gelungenen Weltmeisterschaft sein großes Versprechen eingelöst hat. Die "Copa das Copas" glänzte durch einen reibungslosen Ablauf, Leichtigkeit und Leidenschaft und 32 Tage Fußball-Feuerwerk. Ausgerechnet im Land des Jogo Bonito hat sich der schöne Fußball selbst neu erfunden. Brasilien hat allen bewiesen, dass die Sorge vor einer Skandalveranstaltung komplett unbegründet war - sportlich wie organisatorisch. "Ich war überwältigt von dieser speziellen Atmosphäre", bilanzierte Fifa-Präsident Joseph Blatter.

Nur das Versagen der Seleçao trübte das positive Gesamtbild. Der Rekord-Weltmeister wirkte bei seiner Heim-WM überfordert und enttäuschte wie Spanien, Italien und England. Trotzdem versetzte das fußballerisch anspruchsvolle Turnier die Fans in einen freudigen Rausch und verzückte und verwunderte selbst die Fachleute bis in die Spitze des Weltverbandes. Fifa-Boss Blatter schwärmte über "eine Inspiration auf dem Fußballfeld" und stellte zufrieden fest: "Die Trainer sind bereit, Risiken einzugehen und ihren kreativen Spielern alle Freiheiten zu geben. Das Korsett der taktischen Disziplin ist in der Kabine geblieben."

Die Fans nehmen die Fußball-Freude mit in die neue Saison. Ein Torrekord für WM-Turniere mit 32 Mannschaften, fast 60 Minuten Netto-Spielzeit und ein letztlich nicht messbares Tempo bei maximalem Offensivgeist widersprachen allen Erwartungen, die gerade Fachleute vor dem Turnier hatten.

Nach vier Wochen Dauerparty und 64 WM-Spielen in zwölf Stadien und Städten steht auch fest: Trotz aller Bedenken hat es Brasilien mit dieser "Copa" den Skeptikern weltweit gezeigt. Präsidentin Dilma Rousseff sieht sich bestätigt in ihrem Optimismus. "Mit dieser WM haben wir zwei Dinge bewiesen: dass Brasilien ein leidenschaftliches aber auch kompetentes Land ist. Beide Faktoren gehen nicht immer zusammen", sagte sie zum Turnierende. "Wir zeigten Leidenschaft für das Spiel und Kompetenz, um den harmonischen Verlauf des sportlichen Events zu garantieren."

Die Staatschefin hält die WM für mehr als gelungen und will nichts mehr wissen von Miesmacherei, schon gar nicht bei den schwierigen Vorbereitungen auf das nächste problembeladene Großereignis, die Olympischen Spiele 2016 in Rio. "Die Pessimisten haben sich geirrt", betonte Rousseff im Rückblick.

Das in den vergangenen Jahren nicht immer spannungsfreie Verhältnis zur Fifa scheint ungetrübt. Blatter lobte den Gastgeber in höchsten Tönen. "Thank you Brazil!" titelte Blatter in seiner Kolumne im Wochenmagazin des Weltverbandes. "Vom Start weg am 12. Juni war der Fußball die Hauptsache, und er ist es seitdem auch geblieben", schrieb Blatter. Das "gigantische Festival" habe alle Erwartungen übertroffen. Und an die Adresse der Journalisten: "Die Medien haben die Vorbereitungen damit verbracht, alle denkbaren Horror-Szenarien vorherzusagen, vom Protest-Chaos bis zu unfertigen Stadien. ... Es war ganz das Gegenteil."

Wenn man die Prämisse der WM-Gegner zugrunde legt, die monatelang das "Não Vai Ter Copa" (Es wird keine WM geben) propagierten, dann sind die Kritiker gescheitert. Von Massenprotesten keine Spur, es waren während der gesamten WM wohl nur einige tausend, die sich versammelten, obwohl es an Gründen nicht fehlte. Seit den Demonstrationen von Hunderttausenden im Vorjahr hat sich wenig geändert an den beklagten Missständen in Krankenhäusern, Schulen und im öffentlichen Nahverkehr. Aber wenn der Ball rollt, gelten andere Gesetze, vor allem im Fußball-Land Brasilien.

Für Gérard Houllier, Fifa-Chefanalyst in Taktikfragen geht die Ursachenforschung für das Spektakel weiter. Im Herbst wird er auf mehreren Konferenzen mit allen Nationaltrainern eine Auswertung des "Fußballs 2014" vornehmen und er hat ein Versprechen: "Es gibt keinen Grund, warum sich der Fußball bis zur nächsten WM 2018 nicht noch weiterentwickeln soll. Jedes Turnier bringt seine Fortschritte."

Im Gegensatz zu anderen Turnieren waren auch die Topstars zum richtigen Moment fit. Lionel Messi, Neymar bis zu seiner schlimmen Verletzung, Karim Benzema, Arjen Robben oder Thomas Müller - alle trafen mehrfach. Miroslav Klose sorgte mit seinem WM-Torrekord für eine adäquate Bestmarke für den Zuckerhut-Zauber.

Bei aller Offensiv-Euphorie wurde auch deutlich, dass die Weltspitze unglaublich eng zusammengerückt ist. Bis zum Finalwochenende endeten nur drei von 14 K.o.-Spielen mit mehr als einem Tor Unterschied. Nur in vier Partien fiel die Entscheidung schon in der ersten Halbzeit.

 

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