Berlin - Die Titelsehnsucht ist groß in Fußball-Deutschland. Schon 18 Jahre wartet der dreimalige Welt- und Europameister auf den nächsten großen Coup.

Der letzte WM-Triumph liegt sogar 24 Jahre zurück. Doch um am 13. Juli in Rio de Janeiro den begeherten WM-Pott in den Händen halten zu können, müsste alles stimmen bei Joachim Löw und der deutschen Nationalmannschaft. "Wir sind jetzt dran - damit kann ich nichts anfangen", erklärte der Bundestrainer.

Löw verwies darauf, dass der Favoritenkreis beim 20. Weltchampionat in Brasilien so groß ist wie nie zuvor in der WM-Geschichte. "Wir sind Mitfavorit", sagte Löw nach einer komplizierten Vorbereitung in Südtirol. "Topfavorit ist Brasilien. Die anderen, die berechtigte Chancen haben, müssen sich dahinter einreihen."

Die deutschen Fans schwanken zwischen Skepsis und Hoffnung. Die Vorbereitung in Norditalien wurde von einem tragischen Autounfall bei einem Sponsorentermin mit einem schwer verletzten deutschen Urlauber überschattet. Champions-League-Sieger Sami Khedira hat bei Real Madrid ein halbes Jahr nach seinem Kreuzbandriss zwar sein Comeback gefeiert, kämpft sich aber wieder an Topniveau heran. Welttorhüter Manuel Neuer sowie seine Bayern-Kollegen Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger konnten im Passeiertal nur Rehabilitations- und Aufbautraining bestreiten. Stürmer-Oldie Miroslav Klose hatte ebenfalls lange Gesundheits- und Fitness-Probleme.

"Von allen Spielern bin ich zu 100 Prozent überzeugt", sagte Löw fast trotzig. "Wir haben die richtige Mischung aus vielen jungen und hochbegabten Fußballern und Spielern mit viel Turniererfahrung, die wissen, worauf es ankommt. Unser Kader ist ausgewogen, jede Position ist doppelt besetzt. Unsere Spieler haben Charakter, die Mannschaft hat Charakter", betonte Löw nach der Festlegung seines endgültigen 23-köpfigen Kaders.

Die einstige Stammkraft Marcel Schmelzer wurde nach dem Trainings-Casting ebenso aussortiert wie der Hoffenheimer Angreifer Kevin Volland und das Abwehrtalent Shkodran Mustafi. Dabei sind Schmelzers Position links in der Abwehr und die Besetzung des Stürmerpostens zwei der größten Baustellen. Der Bundestrainer setzt auf den Auswahl-Frischling Erik Durm als Linksverteidiger und "falsche Neuner" wie Mario Götze, Marco Reus oder Thomas Müller.

Auch der Gladbacher Christoph Kramer und der Freiburger Matthias Ginter schafften als Newcomer überraschend den Sprung in die WM-Reisegruppe. "Mit diesem Kader fliegen wir selbstbewusst nach Brasilien, wir haben dort große Ziele", erklärte Löw.

Organisatorisch wurden die besten Voraussetzungen geschaffen. Rund 40 Spezialisten vom Trainer über Ärzte und Physiotherapeuten bis zu zwei Köchen umfasst der Betreuerstab. Das deutschen Basislager "Campo Bahia" in Santo André wurde neu errichtet. "Es ist das beste Quartier. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen", sagte Manager Oliver Bierhoff, nachdem der Neubau direkt an der brasilianischen Atlantikküste im Staat Bahia lange skeptisch verfolgt wurde.

Das Beste soll auch sportlich im Fußball-Traumland Brasilien gelingen - der vierte WM-Triumph nach 1954, 1974 und 1990. "Natürlich ist der Titel das Ziel. Wir waren mit Jogi Löw immer unter den letzten vier Mannschaften. Aber erzwingen kann man den Titel nicht", sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

Lamentieren über die speziellen Bedingungen und Umstände im WM-Gastgeberland hat Löw verboten: "Wer jammert, hat verloren." In Mario Gomez und René Adler hatte der 54-Jährige schon in der ersten Auswahl prominente Sorgenkinder nicht nominiert. "Wir haben die Entscheidung aus absoluter Überzeugung getroffen", betonte der Freiburger vor seinem vierten Turnier als Chefcoach. Allerdings muss Löw bis zum ersten Gruppenspiel am 16. Juni im heißen Salvador gegen Portugal noch einige Fragen auflösen.

Bei seiner Turnierpremiere als Bundestrainer war Löw 2008 in Österreich und der Schweiz EM-Zweiter geworden. Bei der WM 2010 in Südafrika und der EURO 2012 in Polen und der Ukraine war er mit seinem Team jeweils im Halbfinale gescheitert. Löw hat noch einen Vertrag bis 2016 - viele sprechen dennoch von seiner letzten Chance. "Die Erwartungen sind hoch. Sie ändern sich aber auch immer einmal wieder", bemerkte der ehemalige Assistent von Jürgen Klinsmann.

Beide hatten 2006 beim WM-Sommermärchen in Deutschland zusammen mit Rang drei den großen Coup knapp verpasst. In Brasilien sind Löw und Klinsmann als US-Coach Kontrahenten. Nach Portugal und Ghana (21. Juni) warten am 26. Juni in Recife die Amerikaner zum Gruppenfinale.

Am Erreichen des Achtelfinales zweifelt niemand im deutschen Lager. Und auch danach würden dem Löw-Team erst einmal die großen Favoriten Brasilien und Spanien oder auch Angstgegner Italien erspart bleiben. Erst könnten Belgien oder Russland warten, im Viertelfinale Argentinien oder Frankreich. Doch gerade mit Blick auf die vielen Fragen im Vorfeld wird die Belastungsverträglichkeit spätestens von der ersten K.o.-Runde an immer wichtiger werden.

Neben den altbewährten Kräften wie Klose, der bei seiner vierten WM-Teilnahme den Torerekord von Brasiliens Star Ronaldo jagen will, Schweinsteiger, Lukas Podolski, Per Mertesacker und Kapitän Lahm hat Löw auch "frisches Blut" in den Kader gebracht. Der Dortmunder Reus sowie die Münchner Götze und Toni Kroos wollen in Südamerika eine Hauptrolle übernehmen. Spielmacher Mesut Özil reist nicht nach Brasilien, "um Zweiter zu werden". Und auch Chefcoach Löw will endlich in eine Reihe mit den WM-Titeltrainern Sepp Herberger, Helmut Schön und Franz Beckenbauer rücken: Weltmeister-Trainer!