Curitiba - Mit solch einer Schmach hatte beim nächsten WM-Gastgeber Russland keiner gerechnet. Klägliches Vorrunden-Aus in Brasilien mit nur zwei mickrigen Pünktchen - und vor allem wenig Perspektive auf zeitnahe Besserung.

Die Analyse des inzwischen umstrittenen Trainers Fabio Capello klang fast schon realitätsfremd. "Wir haben keinen Fehler gemacht und spielten gut", lobte der Italiener nach dem 1:1 (1:0) im letzten Gruppenspiel gegen Algerien sein Team.

Kritik an seinen Qualitäten regten den renommierten Capello nach dem krachenden K.o. sichtlich auf. Der sonst so stoische Trainer trommelte genervt mit den Fingern auf den Tisch und konterte kühl: "England habe ich zur EM und zur WM geführt. Und Russland ist erstmals seit zwölf Jahren wieder qualifiziert gewesen." Dass auch England vor vier Jahren bereits im Achtelfinale aus dem Turnier ausschied, war für ihn kein Gegenbeweis.

Für den 68-Jährigen schien es keinesfalls peinlich, dass der nächste WM-Ausrichter trotz einer relativ einfachen Gruppe mit Belgien, Südkorea und nun zuletzt Algerien den fest eingeplanten Einzug ins Achtelfinale verpasste. Im Gegenteil. Selbstkritik? Fehlanzeige. Auch ein Rücktritt war für den Altmeister kein Thema. "Wenn sie mich weiter wollen, mache ich weiter", verkündete Capello.

Russlands Presse will ihn nicht. "Wir erleben den Abgang eines einst großen Trainers, der in einer früheren Etappe seiner Karriere stehengeblieben ist - unfähig, mit der neuen Zeit zu gehen", schrieb "Sowjetski Sport" und lieferte die Gründe für das unerwartete Aus gleich mit: "Die russische Mannschaft hat zu keinem Zeitpunkt einen WM-würdigen Fußball gespielt. Die Sbornaja war eins der schwächsten und einfallslosesten Teams des Turniers."

Auch für den "Sport Express" war Capello der Schuldige: "Man möchte vor Scham versinken. Capello hat in der Mannschaft ein Klima der Verunsicherung geschaffen. Das Traurigste daran ist, dass sein Vertrag in Russland noch bis 2018 läuft und nichts darauf hindeutet, dass er seinen Stil ändern will."

Nach dem kläglichen Remis zum Abschluss präsentierte sich Capello als Experte in Ausreden und Schönfärberei. Sein Zorn richtete sich gegen die Schiedsrichter. Seinen beim Ausgleich durch Islam Slimani (60. Minute) erneut patzenden Torhüter Igor Akinfejew nahm er vehement in Schutz: "Er ist von einem Laserpointer geblendet worden." Die frühe Führung durch Alexander Kokorin (6.) war futsch.

Für ein Jahresgehalt von acht Millionen Euro erwarten die Russen vom weltweit bestbezahlten Nationalcoach mehr als die ständigen Hinweise auf die fehlende Konkurrenzfähigkeit der Sbornaja. Im russischen Kader stand kein einziger Legionär, alle 23 Spieler sind in der Heimat angestellt.

Auf diesen Nachteil hatte Capello bereits im Vorfeld der WM regelmäßig aufmerksam gemacht und vor übersteigerten Erwartungen gewarnt. "Die Erfahrung im Ausland hilft bei der Weiterentwicklung. Das fehlt uns", analysierte er am Donnerstagabend nüchtern. "In Russland spielen alle Profis jedes Wochenende unter sich."

Für die mangelhafte Ordnung im Team, die defensiven Aussetzer, den schleppenden, uninspirierten Spielaufbau und die harmlose Offensive muss indes Capello die Verantwortung übernehmen. "Russlands derzeitige Fußballgeneration verfügt über wenige Talente, das ist keine Neuigkeit. Aber Costa Rica oder Mexiko haben statt eines Starensembles eine verschworene Gemeinschaft - genau das hat Trainer Fabio Capello nicht geschafft", kommentierte "Sport Express".

In der EM-Qualifikation soll jetzt alles besser werden. Von September an kämpfen die Russen in der Gruppe G mit Schweden, Österreich, Montenegro, Moldawien und Liechtenstein um die Endrundenteilnahme in Frankreich. Mit Capello? Die Aufarbeitung der enttäuschenden WM soll noch in der kommenden Woche beginnen.