Hannover - Verzögerungen beim Bau von WM-Stadien sind kein spezifisch brasilianisches Problem. Bereits die erste Fußball-Weltmeisterschaft 1930 in Uruguay begann mit einer Panne.

Das beeindruckende Estadio Centenario in Montevideo war nach 110 Regentagen nicht rechtzeitig zum ersten WM-Spiel am 13. Juli fertig geworden. Erst fünf Tage später kamen die Zuschauer an Gerüsten und Zementsäcken vorbei und bejublten das 1:0 von Uruguay gegen Peru.

Spätestens nach dem Finale am 30. Juli 1930, das die WM-Gastgeber vor 90 000 Fans mit 4:2 gegen den Erzrivalen Argentinien gewannen, war der Ärger vergessen. "Es ist das beste Stadion der Welt", jubelte der damalige FIFA-Präsident Jules Rimet über die Betonschüssel. Sie wurde zum Prototypen für viele Großstadien, genau wie die WM-Premiere trotz erheblicher Hindernisse eine Erfolgsstory einleitete, die vor 84 Jahren kaum jemand für möglich hielt.

Der französische Fußball-Visionär Rimet hatte lange Zeit vergeblich für die Idee eines weltweiten Turniers für Nationalteams geworben. Erst Ende der 20er-Jahre bekam er Unterstützung. Mitten in der Weltwirtschaftskrise wollte das kleine Uruguay in Südamerika die erste WM ausrichten. Als Etat wurden 400 000 Dollar veranschlagt, Rimet und der Diplomat Enrique Bueno unterstützten als Mäzene den Plan.

Der Börsencrash an der Wall Street lag gerade ein Jahr zurück, doch Fußball hatte am Rio de la Plata Hochkonjunktur. "Celestos", die Himmelblauen, waren 1924 und 1928 Olympia-Sieger geworden, das Land feierte zudem seine hundertjährige Unabhängigkeit. Dennoch stand das Turnier wegen der fehlenden Akzeptanz in Europa lange auf der Kippe. Letztlich fanden sich aber 13 Mannschaften, die um den vier Kilogramm schweren und 30 Zentimeter hohen World Cup spielen wollten.

Aus Europa nahmen nur Frankreich, Belgien, Rumänien und Jugoslawien die zweiwöchige Schiffsreise in Angriff. In Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz interessierte man sich mehr für ein zeitgleiches Vereinsturnier in Genf, unter anderem mit der SpVgg Fürth. Franzosen, Belgier und Rumänen schipperten gemeinsam auf dem Dampfer Conte Verde über den Atlantik. Das ausschließlich aus Serben bestehende Team Jugoslawien reiste mit der "Florida" über Marseille und Rio de Janeiro nach Montevideo.

Dort empfingen Schnee und bittere Kälte die Europäer. Damit hatte keiner gerechnet. Sportlich verliefen die 18 WM-Spiele mehr oder weniger nach Plan. Die Südamerikaner gaben den Ton an. Immerhin erzielte der französische Automechaniker Lucien Laurent im Auftaktspiel gegen Mexiko das erste Tor der WM-Historie. Und der belgische Schiedsrichter John Langenus leitete das Wunschfinale der rivalisierenden Nachbarländer - mit Knickerbocker und Krawatte.

Langenus war ein umsichtiger Referee, der auch als Journalist für Zeitungen und Zeitschriften in Europa über die WM berichtete. Vor dem Endspiel schloss er eine Lebensversicherung ab, bestellte ein Fluchtboot in den Hafen und veranlasste eine Leibesvisitation bei den Zuschauern. 1600 Revolver und Schusswaffen wurden beschlagnahmt. Zudem ließ Langenus die erste Halbzeit mit einem argentinischen und die zweite Hälfte mit einem uruguayischen Ball spielen.

Die Argentinier hielten in dem packenden Finale lange Zeit gut mit. WM-Torschützenkönig Guillermo Stabile brachte mit seinem achten Treffer das Team 2:1 in Führung. Doch Uruguay setzte sich letztlich verdient durch, auch wenn Superstar Jose Leandro Andrade nicht seinen besten Tag erwischt hatte. Als der einarmige Hector Castro das vierte Tor erzielt hatte, heulten die Schiffssirenen und in Montevideo begannen dreitägige Siegesfeiern.

In Buenos Aires, auf der anderen Seite des Rio de la Plata, herrschte Katzenjammer. Steine flogen auf die uruguayische Botschaft, und die Beziehungen der beiden Länder kühlten ab. Die Begeisterung für Weltmeisterschaften war aber entfacht. Der Fußball-Historiker Udo Muras zitierte den jugoslawischen Verbandssekretär Mihailo Andrejevic: "Wir Europäer waren uns einig. Jeder, der nicht dabei war, hat einen Fehler gemacht."