Berlin - Schon bei der zweiten Auflage verlor die Fußball-WM ihre politische Unschuld. Beim Debüt der deutschen Nationalmannschaft missbrauchte der italienische Diktator Benito Mussolini den Triumph des Gastgebers im Weltturnier 1934 als Bühne für sein faschistisches Regime.

Neben dem Jules-Rimet-Pokal erhielten die Azzurri für ihren 2:1-Finalsieg über die Tschechoslowakei aus den Händen des Duce auch die eigens kreierte - deutlich größere - Coppa Mussolini.

Nachdem der Premierensieger Uruguay aus Verärgerung über den Boykott der Europäer vier Jahre zuvor abgesagt hatte, wurde die erste Weltmeisterschaft aber nicht nur politisch überschattet. So profitierte Italien schon vor dem Endspiel mehrfach von zweifelhaften Schiedsrichter-Entscheidungen. Nach dem brutalen Auftritt des Ausrichters um den harten Stopper Luis Fernando Monti beim 1:1 im Viertelfinale traten sieben Spanier angeschlagen nicht mehr zum Wiederholungsspiel am nächsten Tag an.

Diese Partie entschied Giuseppe Meazza - späterer Namensgeber des berühmten San Siro Stadions in Mailand - mit einem wohl irregulären Treffer, zwei Tore des Gegners erkannte Schiedsrichter René Mercet nicht an. "Auf die schamloseste Weise" habe der Schweizer Italien bevorzugt, schrieb die "Basler Nationalzeitung" damals. Später wurde Mercet von seinem eigenen Verband auf Lebenszeit gesperrt.

Auch im Halbfinale gegen das Wunderteam aus Österreich erhielt der spätere Weltmeister tatkräftige Unterstützung. So beklagte das unterlegene Team, dass der Referee Ivan Eklind sogar eine Flanke aus dem Gefahrenbereich geköpft hatte. Wie selbstverständlich wurde der Schwede gemeinsam mit dem Siegerteam zum Empfang durch Mussolini an dessen Amtssitz im Palazzo Venezia eingeladen.

Argentinien, durch die Abwanderung von Monti nach Italien geschwächt, und Brasilien entsandten nur zweite Aufgebote ins ferne Europa und scheiterten zum Auftakt in der Runde der Top 16. Für das deutsche Team endete der Traum vom Titel hingegen erst im Halbfinale: Das einzige Qualifikationsspiel gegen Luxemburg endete mit einem lockeren 9:1. Nach dem 5:2-Startsieg in einer Hitzeschlacht über Belgien bezwang die Mannschaft von Reichstrainer Otto Nerz und Assistent Sepp Herberger auch Schweden mit 2:1. Die deutsche Meisterschaft war erst vor der Vorschlussrunde wegen der Weltmeisterschaft unterbrochen worden.

Abgeschirmt von der Öffentlichkeit am Comer See in Cernobbio versammelte Nerz die mit 23,4 Jahren im Durchschnitt bis heute jüngste DFB-Elf einer WM-Endrunde. Der mit 28 Jahren vergleichsweise erfahrene Torhüter Willibald Kreß kostete allerdings der deutschen Auswahl die Chance auf den WM-Coup. Beim 1:3 im Halbfinale gegen die Tschechoslowakei leistete sich der Dresdner Keeper in der Schlussphase gleich zwei entscheidende Patzer. "3:1 in Ehren unterlegen", titelte das "12-Uhr-Blatt" allerdings milde und konstatierte: "Keine Enttäuschung!"

Gegen ernüchterte Österreicher gelang im Spiel um Platz drei sogar zum Abschluss noch eine kleine Sensation. "Italiens Bevölkerung schien uns Deutschen wenig Sympathien entgegenzubringen", konstatierte der zweifache Torschütze Ernst Lehner allerdings nüchtern. Auch das deutsche Regime wusste den Erfolg jedoch für seine politischen Zwecke zu nutzen. "Deutschland ist stolz auf Euch!", telegrafierte Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten nach Neapel.