Frankfurt/Main - Jürgen Sparwasser 1:0, das reicht schon. Auch ohne Datumsangabe und Ort weiß jeder Fußball-Fan in Deutschland sofort, um was es geht. Noch Generationen später wachsen Kinder und Enkel mit dieser Geschichte auf.

Beim einzigen deutsch-deutschen Kräftemessen während einer Welt- oder Europameisterschaft schlug die DDR am 22. Juni 1974 in Hamburg den späteren Titelträger Bundesrepublik durch den Treffer von Sparwasser. "Das ist deutsch-deutsche Fußballgeschichte und wird immer so bleiben", betont der Schütze im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

40 Jahre ist das am Sonntag her. Neben dem 3:2-Siegtreffer von Helmut Rahn im WM-Finale 1954 und dem Wembleytor 1966 ist dieser Treffer den Deutschen am meisten in Erinnerung geblieben. Gleiches gilt für den Schützen. Er wird erkannt, angesprochen und immer zu runden Jahrestagen besonders gern zum Erzählen aufgefordert. "Es sind ganz schön viele Anfragen", erklärt der 66-Jährige. Langsam reicht es Sparwasser auch. Aber er weiß, dass auch noch in den nächsten Jahren das Telefon nicht stillstehen wird.

Für ihn war es ein normales Spiel. "Ich war halt der Entscheidende, der das Tor geschossen hat. Aber wir waren ein Team, das auf dem Rasen gestanden hat. So einfach ist das", sagt Sparwasser, der nach der Partie mit Paul Breitner sein Trikot tauschte.

Am liebsten wäre er danach auf der Reeperbahn feiern gegangen, so wie zwei seiner Mitspieler, die sich aus dem Mannschaftshotel in Quickborn schlichen. "Ja das stimmt. Ich werde aber nicht verraten, wer das war", erzählt Sparwasser. Er selbst konnte nicht mit, denn man hätte ihn sofort erkannt.

Die Bedeutung des auf beiden Seiten angeheizten Duells Ost gegen West spielt er herunter. Für die Akteure auf dem Rasen sei es nichts weiter als ein normales Fußballspiel gewesen. Beide Mannschaften waren bereits für die Zwischenrunde qualifiziert. Es ging nur noch um den Gruppensieg. Für die Funktionäre stand um so mehr auf dem Spiel. In der DDR wollte man den Klassenfeind bezwingen, die Bundesrepublik den Amateuren von nebenan mal zeigen, wie Profis eigentlich Fußball spielen. Doch dann kam alles anders.

Sparwasser erlief einen langen Ball von Erich Hamann, düpierte Horst-Dieter Höttges, Berti Vogts und zuletzt auch noch Sepp Maier und vollendete kaltschnäuzig. "Wenn auf meinem Grabstein eines Tages nur \'Hamburg 1974\' stehen würde, wüsste wahrscheinlich trotzdem jeder, wer da liegt", sagt Sparwasser, der sich in Bad Vilbel bei Frankfurt am Main ein neues Zuhause geschaffen hat.

Für Beckenbauer, Maier und Co. war die Niederlage der Beginn eines Erfolgsmärchens. Aus vielen Erzählungen ist bekannt, dass es danach in der Mannschaft ordentlich geknallt hat. "Das war ein Rumgegurke in den ersten drei Spielen. Das war schlimm. Nach dem DDR-Spiel haben wir uns zusammengerauft und dann ging die WM für uns erst richtig los", berichtete Maier erst vor wenigen Tagen in einer Talkshow.

Für die DDR war der Sieg fürs Prestige herausragend, sportlich gesehen aber eher von Nachteil. In der deutlich schwereren Zwischenrundengruppe mit Brasilien, den Niederlanden und Argentinien reichte es nur zum dritten Platz. Die BRD gewann ihre Spiele gegen Jugoslawien, Schweden und Polen. Das Ende ist bekannt. Deutschland wurde Weltmeister, Sparwasser und Co. Sechster.

Die DDR konnte sich danach nie wieder für eine EM oder WM qualifizieren. Auch kam es nie wieder zu einem offiziellen Länderspiel zwischen beiden deutschen Staaten. Kurios: Beide Teams wurden bei der Qualifikation zur Europameisterschaft 1992 in Schweden in eine Gruppe gelost. Der Mauerfall verhinderte dieses Duell.