Berlin - Franz Beckenbauer sollte nicht recht behalten. "Es wird schon werden!", richtete er vor dem Abflug der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach Argentinien Bundestrainer Helmut Schön am Telefon aus.

Der "Kaiser" fehlte vier Jahre nach dem Triumph von München, Cosmos New York wollte ihn nicht freigeben, wie Schön es sich wünschte. Ohne Beckenbauer und viele andere aus der WM-Elf von 1974 ging es nach nur einem Sieg aus sechs Spielen zurück in die Heimat. Was aber am meisten wehtat: die Schmach von Cordoba im letzten Länderspiel unter Schöns Regie.

Österreich, Krankl, Tor. Das Nachbarland hatte den Weltmeister in die Knie gezwungen, entthront. 3:2 für Österreich dank eines Tores von Hans Krankl in der 88. Minute. An jenem 21. Juni 1978 feierte die Alpenrepublik den ersten Sieg über Deutschland seit 47 Jahren. "I wer\' narrisch", schrie Radioreporter Edi Finger ins Mikrofon.

Die drei Worte wurden legendär, auch wenn die Österreicher es nicht weiterbrachten als die DFB-Elf, in der nicht nur Beckenbauer schmerzlich vermisst wurde. Nur noch eine Handvoll Spieler vom WM-Triumph in München hatte Schön dabei: Sepp Maier, Berti Vogts, Rainer Bonhof, Bernd Hölzenbein und Georg "Katsche" Schwarzenbeck.

Im Eröffnungsspiel sprang gegen Polen nur ein holpriges 0:0 heraus. "Das war Fußball wie vor 20 Jahren - stoppen, gucken, abgeben", schimpfte der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger. Mit demselben torlosen Ergebnis trennte man sich vom damaligen Exoten Tunesien. Immerhin gab es zwischendurch in der Vorrunde ein tröstliches 6:0 gegen Mexiko. Das dritte 0:0 im vierten Spiel folgte in der Finalrunde gegen Italien, immerhin 2:2 trennte sich die deutsche Auswahl beim Wiedersehen vom 74er-Finalgegner Niederlande.

Superstar Johan Cruyff spielte bei der Revanche nicht; er hatte aus politischen Gründen verzichtet, nachdem Gastgeber Argentinien seit März 1976 vom totalitären Regime General Videlas geführt wurde. "Der Fußball wurde zeitweise in den Hintergrund gedrängt", schreibt die FIFA rückblickend. Trotz eines breiten Boykottaufrufs hatten sich schließlich doch alle Fußball-Nationen der Welt auf den Weg nach Argentinien gemacht. England nicht, allerdings aus sportlichen Gründen. Der Weltmeister von 1966 war wie schon vor der WM in Deutschland in der Qualifikation gescheitert.

Dafür trumpfte Gastgeber Argentinien auf. Und das ohne Diego Maradona. Star-Coach und Fußball-Philosoph César Luis Menotti verzichtete noch auf "El Pibe de Oro", den Goldjungen, der am Rand der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires und damit nicht allzu weit vom Finalstadion geboren worden war. Mit gerade einmal 17 Jahren war Maradonas Zeit bei der Heim-WM noch nicht gekommen, ein Jahr später gewann er aber mit Argentinien die Junioren-WM.

Die 10 auf dem Dress der Albiceleste trug 1978 Mario Kempes, "El Matador". Bis zur Zwischenrunde ging er noch leer aus. Letztlich machten ihn drei Doppelpacks aber zum erfolgreichsten Torschützen der WM. Einer davon gelang dem damals 24-Jährigen zum 3:1-Sieg nach Verlängerung im Finale gegen die Niederländer. "Der Gewinn des FIFA-Weltpokals war genau das, was das schwer geprüfte argentinische Volk nötig hatte", sagte Kempes einmal rückblickend. "Meine talentierten klugen Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt", betonte damals Menotti - den Handschlag mit General Videla lehnte er bei der Pokalübergabe ab.

Erzrivale Brasilien war nach einem 0:0 gegen Argentinien in der Zwischenrunde letztlich nur ins kleine Finale eingezogen. Der 2:1-Erfolg dort gegen Italien war auch nur ein schwacher Trost. Für Deutschland war das Turnier, das in zwei Gruppenphasen gespielt wurde, da bereits zu Ende. Zumindest ein Hit gelang der Mannschaft dennoch. "Buenos Dias Argentina", aufgenommen mit Udo Jürgens, wurde 750 000 Mal verkauft - die erfolgreichste Platte, die singende Fußballer jemals aufgelegt haben.