Berlin - Das Flutlicht im Stadio Olimpico war erloschen, das Finale von Rom erst wenige Minuten abgepfiffen, Deutschland im Weltmeisterrausch - da machte Franz Beckenbauer seine berühmtesten, einsamsten Schritte über ein Fußballfeld.

"Wie lange dies dauerte, vermag ich nicht mehr zu ermessen, aber ich kann sagen: Es war einer der schönsten Momente meines ganzen Lebens", sagte er später.

Der 14. Campionato Mondiale di Calcio "Italia \'90" war damals Titelkampf der Rekorde: Umsatzrekord, Stadionrekord, TV-Rekord. Jahrhundert-Kicker Pelé fand die WM dennoch fad. "Zu viel Taktik, zu wenig Technik", klagte Brasiliens Fußball-Legende. In der Tat war es eine WM ohne große Überraschungen: In die Vorschlussrunde zogen vier der Fußball-Schwergewichte ein, das Finalspiel zwischen Deutschland und Argentinien wurde von vielen Experten zum schlechtesten der bis dahin 14 ausgetragenen Weltmeisterschaften ernannt.

"Zu einem guten Spiel gehören immer zwei Mannschaften. Argentinien hat in diesem Finale nicht mitgespielt", erklärte der deutsche Teamchef nach dem Triumph. Der Titelverteidiger war durch die zahlreichen Eskapaden seiner Leitfigur Diego Armando Maradona abseits des Rasens geschwächt. Der Sieg der Beckenbauer-Elf war schlicht konsequent: Als das entscheidende Elfmetertor zum 1:0 vier Minuten vor Abpfiff durch Andreas Brehme fiel, hätte es auch schon 4:0 stehen können.

Die Weltmeister hatten sich jedoch mehr erarbeitet als einen Titel: Noch bei der WM 1986 machte die Bezeichnung von den "teutonischen Kraftmeiern" die Runde, zwar von allen respektiert, aber nur von wenigen wirklich ins Herz geschlossen. In Italien überzeugten die Spieler von Beckenbauer nun das gesamte Turnier hindurch mit dem wohl idealen Mix aus technisch-spielerischer Leistung und kämpferischer Arbeit. Schon das Aufgebot im Mittelfeld war vom Feinsten: Häßler, Möller, Matthäus, Littbarski. Die Auswahl an brillanten Profis war riesig - dazu ein kongenialer Sturm mit Völler, Klinsmann und Riedle.

Die Beckenbauer-Elf zeigte ihre beste Leistung im Achtelfinale gegen Erzrivale Niederlande. "Erst in diesem Spiel hat meine Mannschaft gemerkt, über welche Fähigkeiten sie wirklich verfügt", befand der Trainer. Nach hohen Gruppensiegen gegen Jugoslawien und die Vereinigten Arabischen Emirate sowie einem Unentschieden gegen Kolumbien waren die Oranje-Europameister der erste echte Prüfstein auf dem Weg zum dritten Weltmeistertitel.

Die Jagdszene des Spiels lieferten sich Frank Rijkaard und Rudi Völler. Was der Schiedsrichter nicht sah, dokumentierten die TV-Bilder den Fernsehzuschauern: Eine Spuckattacke in die Lockenpracht von Völler löste den Zwist aus, danach gerieten die Streithähne immer wieder aneinander und flogen schließlich beide vom Platz. Beim Abgang nach nur 22 Minuten spuckte Rijkaard dem späteren DFB-Teamchef nochmals ins Genick. Dafür drehte Völlers Sturmpartner Jürgen Klinsmann auf, erzielte den Führungstreffer und machte das Spiel seines Lebens. Gut zehn Minuten vor Schluss wurde der beste Mann der Partie völlig ausgepumpt ausgewechselt. Deutschland gewann mit 2:1.

Die Halbfinal-Begegnung gegen England hatte dann verglichen mit dem vorangegangenen 1:0-Viertelfinalsieg gegen die Tschechoslowakei und dem tristen Finalerfolg gegen Argentinien Endspielcharakter. Torchancen und Tempo bis zur letzten der 120 Minuten, Spannung im Elfmeterschießen - mit dem glücklicheren Ende für den späteren Weltmeister.

Ein glanzvoller Abschied für Beckenbauer, der 1974 schon als Spieler Weltmeister geworden war. Seinem Nachfolger Berti Vogts übergab er ein schweres Erbe. "Auf Jahre hinaus unschlagbar" sei das Team, hatte Beckenbauer prophezeit. Nur rund ein Jahr später verlor die DFB-Elf in der EM-Qualifikation in Wales erstmals wieder.