Paris - Über ein lange verborgenes Talent wunderte sich Zinedine Zidane ganz besonders. "Ich war nie ein besonders guter Kopfballspieler", gestand der Feingeist nach der Fußball-WM 1998. "Aber die wichtigsten Tore meiner Karriere habe ich ausgerechnet mit dem Kopf erzielt."

So war es auch an jenem Abend des 12. Juli vor 16 Jahren, als "Zizou" Frankreich in Ekstase versetzte. Der geniale Spielmacher bescherte der "Equipe Tricolore" im Endspiel gegen Brasilien ihren ersten WM-Titel und einte zumindest für einige Stunden ein ganzes Land. "Frankreich hat seine Seele wiedergefunden", huldigte der damalige Staatspräsident Jacques Chirac der Multikulti-Mannschaft um den algerisch-stämmigen Zidane, den in Ghana geborenen Marcel Desailly und den auf Guadeloupe aufgewachsenen Lilian Thuram. "Wir hatten eine ganze Nation hinter uns", schwärmte Kapitän Didier Deschamps über den Triumph im eigenen Land, der Debatten um Integration erstmal verstummen ließ.

Als sich die Fans in der "Grande Nation" freudetrunken in den Armen lagen, war die Titel-Mission der mit 30,28 Jahren im Schnitt ältesten deutschen Mannschaft in der WM-Geschichte längst schmachvoll beendet. Das 0:3 gegen Kroatien nach Roter Karte für Christian Wörns besiegelte wie vier Jahre zuvor das Aus bereits im Viertelfinale. Nach dem Spiel in Lyon machte Berti Vogts höhere Mächte für das Scheitern verantwortlich und erging sich in wilden Verschwörungstheorien. "Wir sind brutal bestraft worden, von wem auch immer. Wir müssen nach Hause, warum auch immer. Das haben andere zu verantworten", echauffierte sich der Bundestrainer.

Weitaus schlimmer als das sportliche Abschneiden waren für das Bild Deutschlands in der Welt die Ereignisse vom 21. Juni. Stunden vor dem Vorrundenspiel der DFB-Elf gegen Jugoslawien prügelten organisierte Hooliganbanden den wehrlosen Gendarmen Daniel Nivel fast zu Tode. Selbst als der damals 43-Jährige bewusstlos war, wurde er noch malträtiert. Nivel rang mit dem Tod, sechs Wochen lag er im Koma. Für den Rest seines Lebens wird der Familienvater an den Hirnschäden leiden. Der erschütterte DFB-Präsident Egidius Braun erwog angesichts der Bilder aus Lens, das deutsche Team vom Turnier zurückzuziehen. Der Haupttäter wurde später zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Für Zidane schien derweil das Drehbuch dieser WM wie maßgeschneidert. Schon im zweiten Vorrundenspiel gegen Saudi-Arabien (4:0) flog der heutige Assistenzcoach von Real Madrid nach einer Tätlichkeit vom Platz. Zidane, der tragische Held? Sein Trainer Aimé Jacquet würdigte ihn jedenfalls beim Verlassen des Rasens keines Blickes.

Zidane fehlte Frankreich. Das machte sich vor allem im Achtelfinale gegen Paraguay bemerkbar. Innenverteidiger Laurent Blanc küsste den kahlen Schädel von Schlussmann Fabien Barthez zwar weiter vor jedem Duell, doch selbst dieses Ritual schien ohne die Inspirationen Zidanes ins Leere zu laufen. Am Ende sorgte Blanc in der 114. Minute mit dem ersten Golden Goal der WM-Historie für den schmeichelhaften Sieg. Ausgerechnet dieser Hüne, der zuvor gegen solche K.o.-Tore gewettert hatte. "Ich werde es nie mehr kritisieren", schwor Blanc danach. "Ich bin der glücklichste Mensch der Welt", beteuerte Zidane.

Im Viertelfinale gegen Italien war Zidane wieder dabei und führte seine Mannschaft schließlich bis zum Triumph. Nationaltrainer Jacquet lobte später seinen stillen Anführer, der mit zwei Kopfballtoren den Weg zum 3:0 im Endspiel in Paris geebnet hatte. "Zidane hat uns die Erleuchtung gebracht", meinte der heute 72-Jährige.

Von Ballkunst war Brasilien weit entfernt. Vor allem Ronaldo enttäuschte. Selbst bis heute ist nicht genau geklärt, weshalb "O Fenomeno" noch am Finaltag ins Krankenhaus eingeliefert werden musste und im Endspiel wie ein Schatten seiner selbst wirkte.