Berlin - Oliver Kahn sitzt an den Pfosten seines Tores gelehnt, das Gesicht versteinert, der Mund ist nur noch ein schmaler Strich und sein Blick geht ins Leere. Der Torhüter der deutschen Nationalmannschaft ist die tragische Figur des Finales der Fußball-Weltmeisterschaft 2002.

Sein fataler Fangfehler nach einem Rivaldo-Schuss vor dem 0:1 ist der Ausgangspunkt zur 0:2-Niederlage der DFB-Elf gegen Brasilien, das seinen fünften WM-Titel feiert. "Das war mein einziger Fehler in sieben Spielen", sagt Kahn damals, "und das wird bitter bestraft."

Ohne Kahns Großtaten zuvor wäre Deutschland nicht bis ins Endspiel von Yokohama vorgedrungen. In der Vorrunde bewahrt er beim 1:1 sein Team gegen Irland vor der Niederlage. Beim 2:0 gegen Kamerun hält er den Sieg fest, und im Achtelfinale gegen Paraguay peitscht er seine Mitspieler immer wieder nach vorne, bis Oliver Neuville in der 88. Minute der 1:0-Siegtreffer gelingt. Im anschließenden Viertelfinale zeigt er beim erneut knappen 1:0 gegen die USA seine beste Turnierleistung. Beim 1:0-Halbfinalsieg gegen Gastgeber Südkorea bleibt Kahn erneut fehlerlos.

Die Medien preisen den Keeper des FC Bayern München als "Titan" und "King Kahn". Der Fußballweltverband FIFA wählt Kahn zum besten Spieler des Turniers in Japan und Südkorea - als ersten Torhüter der WM-Geschichte überhaupt. Die Begeisterung in Deutschland geht sogar soweit, dass beim Public Viewing viele Zuschauer plötzlich Oliver-Kahn-Masken tragen. Als Liebling der Massen hatte der verbissene und überehrgeizige Keeper bis dato nicht getaugt.

Ist Kahn der tragische Held des Finales, so kommt Michael Ballack diese Rolle im Halbfinale von Seoul zu. Er erzielt wie schon gegen die USA den einzigen Treffer der Partie, kassiert wegen eines taktischen Fouls die zweite Gelbe Karte des Turniers und muss im Endspiel zuschauen.

Vor der WM in Fernost gehört die Fußball-Großmacht Deutschland ausnahmsweise einmal nicht zu den Favoriten. Doch die DFB-Elf bestätigt einmal mehr ihren Ruf als Turniermannschaft. Das Team von Teamchef Rudi Völler arbeitet sich mit Leidenschaft, Teamgeist und Effizienz bis ins Endspiel vor. Dort liefert Deutschland seine beste Turnierleistung ab, muss sich aber wegen des Kahn-Patzers und der Treffsicherheit Ronaldos den Brasilianern geschlagen geben.

Die Fans in Deutschland sind dennoch begeistert und feiern bei der Rückkehr auf dem Frankfurter Römer vor allem den Teamchef. "Es gibt nur ein\' Rudi Völler" wird zum Gassenhauer - eine Vorahnung zum Sommermärchen vier Jahre später.

"Fenômeno", das "Phänomen", schoss nicht nur beide Finaltreffer für die "Seleção" - mit acht Treffern wird Ronaldo Torschützenkönig der WM. Damit rehabilitiert er sich für die schwache Leistung bei der Finalniederlage vier Jahre zuvor gegen Frankreich.

Die französische Titelverteidiger wird in Japan und Südkorea erstes Opfer eines an Überraschungen nicht armen Weltturniers, dem ersten in Asien und dem ersten in zwei Ländern. Der Afrika-Debütant Senegal besiegt das Starteam von Trainer Roger Lemerre sensationell mit 1:0. Für die Équipe tricolore ist dies der Auftakt einer verkorksten WM. Auch die hoch eingeschätzten Argentinier und Geheimfavorit Portugal müssen das frühe Aus nach der Gruppenphase verkraften.

Für Furore sorgt Gastgeber Südkorea, der im Achtelfinale dank Ahn Jung Hwans Golden Goal die Italiener mit 2:1 aus dem Turnier befördert. Anschließend haben in Italien Verschwörungstheorien Hochkonjunktur, weil Schiedsrichter Byron Moreno der Squadra Azzurra einen regulären Treffer aberkennt und Superstar Francesco Totti wegen einer angeblichen Schwalbe vom Platz stellt. Eine Runde später schalten die Südkoreaner im Elfmeterschießen ebenfalls überraschend Spanien aus. Erst im Halbfinale ist dann gegen Deutschland Schluss.

Für Keeper Kahn wird das Finale gegen Brasilien zum Alptraum. Gerade ihm, dem Perfektionisten, unterläuft der Fauxpas. Der "Tagesspiegel" entdeckt darin jedoch auch etwas Gutes: "Der Fehler im Finale, dieser entscheidende Fehler, hat ihn wieder zum Menschen gemacht."