Großwallstadt | Es gab nur wenige Tage, an denen Michael Biegler zuletzt Kraft sammeln konnte. Nach dem ersten und vor dem zweiten Trainingslager in der Vorbereitung auf die EM in Dänemark kehrte der Coach der polnischen Handballer nach Großwallstadt zurück, wo er seit ein paar Jahren mit seiner Familie lebt. Von seiner Terrasse aus sieht er auf den Main, der behäbig in Richtung Frankfurt wandert. "Hier kann ich in Rekordzeit abschalten", sagt Biegler.

Der 52-Jährige ist im Handball viel herumgekommen. Seit 1985 arbeitet er als Co- oder Cheftrainer, zwölf Vereinsmannschaften betreute er, darunter neben dem SC Magdeburg (2008/2009) auch die Erstligisten Wilhelmshavener HV und den TV Großwallstadt. Zwischen 1993 und 1996 war er zudem Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Seit knapp einem Jahr bekleidet er einen der wohl spannendsten Jobs in Europa, denn die sportverrückten Polen sind 2016 Gastgeber der EM und "der Deutsche" soll sie bis dahin titelfähig machen. Die EM in Dänemark ist auf dem Weg dahin eine wichtige Etappe.

"Beagle", wie Michael Biegler in Handballer-Kreisen genannt wird, ist eine Marke und es gibt niemanden, der an seiner fachlichen Kompetenz zweifelt. Anders wäre es auch gar nicht möglich gewesen, mit Wilhelmshaven vier Mal in Folge den Klassenerhalt zu schaffen. Mit einer Mannschaft und einem Umfeld, die kaum erstligareif waren. Der Sprung zu einem Topklub im Oberhaus blieb aber aus. Vermutlich, weil der geradlinige Biegler zu unbequem erschien. Und wohl auch, weil es Vorbehalte gegen ihn gab.

Biegler in der Abstiegsspirale Alkohol

Vor mittlerweile 14 Jahren stand Biegler am Abgrund. Alkohol und Medikamente hatten ihn dahin gebracht. Das Umfeld des Profisports bietet Gefahren sowie Verlockungen und der Trainer drohte, ihnen zu erliegen. Doch soweit kam es nicht, sein damaliger Zahnarzt und seine Mutter halfen ihm, aus der Abstiegsspirale auszubrechen. Und er selbst.

Seither nimmt er keinen Alkohol mehr zu sich, auch nicht verkocht im Essen. Gleiches gilt für Medikamente. "Ich habe das hinter mir", sagt Biegler, dessen Umgang mit diesem Teil seiner Vergangenheit beeindruckt. Für Menschen wie ihn gibt es im Umgang mit der persönlichen Historie zwei einfache Wege. Sie schweigen das Thema tot oder sie versuchen, Kapital daraus zu schlagen, in dem sie sich für den erfolgreichen Kampf feiern - und feiern lassen. Michael Biegler geht den schwierigen Weg, er lebt ganz einfach damit.

Er lebt damit, dass hinter seinem Rücken getuschelt wird. Er lebt damit, dass Ex-Vereine versuchen, ihm neuerliche Alkoholeskapaden anzudichten, weil sich eine Entlassung so einfacher begründen lässt. Michael Biegler ist stark genug, um damit zu leben und wenn er heute darüber spricht, tut er das beeindruckend unaufgeregt.

Biegler will Umbruch in polnischer Nationalmannschaft schaffen

An seiner Leidenschaft für den Handball hat das nichts geändert und deshalb funkeln seine Augen, wenn er von seiner Mannschaft spricht, dem polnischen Nationalteam, zu dem auch SCM-Kreisspieler Bartosz Jurecki als feste Größe zählt. Es gilt den Umbruch in einem Team zu schaffen, das immer noch von der Vize-Weltmeisterschaft 2007 in Deutschland und WM-Bronze zwei Jahre später lebt. Biegler befindet sich mittendrin. 2016 muss der Umbruch abgeschlossen sein, wenn die EM im eigenen Land ansteht.

Der Gewinn einer Medaille ist deshalb nicht für die EM in Dänemark ausgelobt. "Wir haben trotzdem unsere Ziele", sagt Biegler, der in der Vorrunde mit Polen auf Serbien, Frankreich und Russland trifft. Das sind drei Schwergewichte und deshalb ist das Erreichen der Zwischenrunde kein Selbstläufer. Drei von vier Teams kommen weiter. "Darauf arbeiten wir hin", sagt Biegler, die Ruhe selbst.