Magdeburg l Der SCM hat in den letzten zwölf Monaten eine beeindruckende Metamorphose durchgemacht: von der Großbaustelle zum Vorzeigeprojekt. Wie erst Uwe Jungandreas und dann Geir Sveinsson gemeinsam mit der Vereinsführung um Sportchef Steffen Stiebler und Geschäftsführer Marc Schmedt Hand in Hand gingen und den Laden auf Vordermann gebracht haben, das ringt nicht nur der Konkurrenz und den SCM-Fans, sondern auch den Skeptikern und ewig Unzufriedenen viel Respekt ab.

Zehn Baustellen hatte die Volksstimme zur Winterpause 2014 beim SCM ausgemacht. Diese wurden vor dem heutigen Trainingsstart noch einmal unter die Lupe genommen, dabei wurden auch folgende Grundbausteine des Erfolges sichtbar:

Baustelle 1, Vorbereitung: Die Vorbereitung auf die neue Saison begann im Juli viel verheißungsvoller als in jüngster Vergangenheit. Denn Geir Sveinsson fand einen kompletten Kader von 13 Stammspielern sowie sieben ambitionierte Perspektivspieler vor. Und nahezu alle erschienen fit, gesund und voller Tatendrang zum Trainingsauftakt. Das erleichterte dem Isländer die Herkulesaufgabe erheblich, sich als neuer Coach mit der Mannschaft zusammenzuraufen sowie gleichzeitig drei neue Spieler zu integrieren.

Ein halbes Jahr zuvor hatte Jungandreas andere Zeiten erlebt. Beim Trainingsauftakt am 7. Januar hatten dem Sachsen nicht nur fünf Nationalspieler gefehlt, sondern weitere fünf Akteure fielen entweder verletzungsbedingt aus oder mussten es als Rekonvaleszenten langsam angehen lassen. Doch der Interimscoach machte aus den suboptimalen Bedingungen das Beste. Er brachte den Spielern den Spaß am Handball zurück, verließ im Training eingefahrene Gleise und schaffte das auf die Knochen gehende Langhanteltraining ab. Am Ende der Saison war der SCM als Siebter nicht nur ganz knapp an einem Europacupplatz vorbeigeschrammt, sondern auch der körperliche Zustand der Mannschaft war deutlich besser und die Verletzungsanfälligkeit gesunken. Darauf konnte Sveinsson bei seiner Übernahme aufbauen.

Baustelle 2, die Verletzungsserie: Immer wieder suchte das Verletzungspech die Magdeburger in den letzten Jahren heim. In schlechter Erinnerung sind dabei vor allem Zeiten, als dem später wegen Erfolglosigkeit beurlaubten Coach Frank Carstens phasenweise gleich sechs Stammspieler fehlten. Doch dieses traurige Schicksal gehört offensichtlich der Vergangenheit an. Nur Neuzugang Jacob Bagersted hatte zu Saisonbeginn zu knabbern. Der Däne war der hohen Trainingsbelastung nicht ganz gewachsen und musste wegen einer hartnäckigen Muskelverletzung mehrere Wochen pausieren. Ansonsten aber blieben die Stammspieler bis auf kleinere Blessuren weitestgehend von schwerwiegenden Verletzungen verschont.

Auch Sportchef Steffen Stiebler führt den Aufwärtstrend, vor allem aber die Erfolgsserie zum Ende des Jahres, mit auf die jederzeit gutbesetzte Bank zurück: "Dass wir ohne größere Blessuren durch die Hinrunde kamen und kaum Ausfälle hatten, war mitentscheidend und vor allem am Ende der Hinrunde ganz, ganz wichtig."

Baustelle 3, Leistungsschwankungen: Auf und nieder - immer wieder, das war lange Zeit eine ungeliebte "Übung" beim SC Magdeburg. Top-Spiele wechselten sich mit Ausrutschern ab. Und zunächst schien auch in der neuen Saison das alte Problem auf der Tagesordnung - wenn auch nicht mit den befürchteten großen Ausschlägen nach unten. Oft zeigte der SCM sogar innerhalb einer Partie seine zwei Gesichter: Stand die Abwehr gut, leistete sich der Angriff Schwächen oder umgekehrt. Zweimal hintereinander konnte so das Unheil nicht mehr abgewendet werden, in Gummersbach und daheim gegen Hamburg gab es denkbar knappe Niederlagen.

Aus Sicht von Schmedt stellte sich das Problem so dar: "Was uns von den drei Top-Teams unterscheidet, ist die Fähigkeit, jede Woche 100 Prozent Leistung abzuliefern." Qualität bedeute in heutigen Zeiten "nicht, einmal Flensburg oder Kiel zu schlagen, sondern die psychischen und physischen Voraussetzungen zu haben, jede Woche zu punkten".

Ein echter Rückschlag war allerdings die unerwartete 25:29-Niederlage beim TuS N-Lübbecke. Diese ging nach Ansicht von Sveinsson auf das Konto "mangelnde Einstellung". Die Lektion war bitter, aber offensichtlich lehrreich und leitete die langersehnte Wende ein. Dem SCM gelang es in der Folge, sich zu stabilisieren, die Hausaufgaben wurden top erledigt, die Magdeburger Tugenden gehegt und gepflegt. Von Sieg zu Sieg wuchs das Selbstvertrauen und der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Und endlich behielt man auch bei brenzligen Situationen den Kopf oben und gewann enge Spiele. Das Resultat der mannschaftlichen Geschlossenheit kann sich sehen lassen: Alle acht Ligaspiele bis zur Winterpause sowie das Pokal-Achtelfinale in Eisenach wurden gewonnen.

Baustelle 4, Heimspiele: Der SCM ist auf dem besten Wege, die Getec-Arena wieder zur "uneinnehmbaren Festung" zu machen. Mit dem 8. Mann im Rücken fanden die Magdeburger endlich zu ihrer einst gefürchteten Heimstärke zurück, von elf Spielen wurde nur das besagte gegen Hamburg (24:25) verloren, gegen Göppingen gab es ein 32:32-Unentschieden. Und wie erwartet wusste auch das erfolgsverwöhnte Magdeburger Handball-Publikum den Aufschwung zu würdigen: Beim letzten Heimspiel des Jahres gegen den Bergischen HC hieß es: 7 148 Zuschauer - ausverkauft! "Die Zuschauerresonanz ist wirklich überragend, dafür vielen Dank", weiß Schmedt die Unterstützung von den Rängen sowie den Boom bei den Dauerkarten zu schätzen.

Baustelle 5, die Abwehr: Eine solide Deckungsarbeit in der 6-0-Formation ist auch unter Sveinsson das Markenzeichen des SCM. Mit Fabian van Olphen als zentrale Figur im Mittelblock, dazu alternativ Michael Haaß oder Jacob Bagersted - da ist im Verlauf der Hinserie zusammengewachsen, was zusammengehört. Sind auch die Nebenleute auf Zack, profitieren auch die Keeper vom harmonischen Zusammenspiel in der Defensive. Ballgewinne sind somit garantiert. Diese waren Basis für einfache Tore im Tempogegenstoß - das zweite Markenzeichen des SCM.

Baustelle 6, die Torhüter: Fifty:Fifty mit Luft nach oben - so lautet die Erfolgsformel der Magdeburger, denn Dario Quenstedt und Neuzugang Jannick Green teilten sich die Spielanteile brüderlich. Das bedeutet aber auch: Die Torhüterleistung ist insgesamt solide, aber nicht überragend. Die Liga-Statistiken, bei denen beide mit ihren Quoten im Mittelfeld rangieren, belegen das. Besonders auffällig ist die verschwindend geringe Zahl an gehaltenen Siebenmetern: Quenstedt, in der Vorsaison mit 17 Paraden unter den Top drei, konnte in den bisher 21 Spieltagen drei Siebenmeter halten, Green nur einen.

Baustelle 7, der Kreis: Jacob Bagersted (27) war es zunächst nicht vergönnt, seine Klasse unter Beweis zu stellen. Nach überstandener Verletzung fand er in der Deckung schneller Bindung zum Team als im Angriff. Doch seitdem auch hier der Knoten geplatzt ist, geht`s steil bergauf. Der Däne trifft und verspricht: "Das war längst noch nicht alles, ich kann noch mehr." Bleibt er verletzungsfrei, ist der Kreis zumindest bis zum Saisonende keine Problemzone, denn noch ist die Position mit Bartosz Jurecki (35) doppelt stark besetzt. Falls doch Not am Mann ist, gibt es noch Maciej Gebala (20). Auf den Youngster war bereits Verlass, als Bagersted noch nicht fit war. Zur neuen Saison werden die Karten neu gemischt, Jurecki geht, und der Kroate Zeljko Musa (29) kommt.

Womit wir an Baustelle 8 angekommen sind, offene Personalfragen: Bei den Neuverpflichtungen hat der SCM ein gutes Händchen gehabt. Mit Sveinsson kam der richtige Trainer zur richtigen Zeit. Auch Green und Bagersted waren zwei passende Bausteine für den Verein, bei dem nach wie vor die Mannschaft der Star ist. Nur Espen Lie Hansen wirkte lange wie ein Fremdkörper. Erst zum Ende der Hinserie ließ das Sorgenkind seine Klasse aufblitzen. Doch ohnehin ist auf der Königsposition Land in Sicht, denn der SCM verkündete mit Finn Lemke (22) die erste Verpflichtung für die kommende Saison. Zum Jahreswechsel wurde mit Zeljko Musa auch das Geheimnis um den neuen Kreisspieler gelüftet. Zuvor waren bereits die im Sommer 2015 auslaufenden Verträge von Quenstedt und van Olphen verlängert worden. Damit sind alle offenen Fragen aus jetziger Sicht geklärt, und der SCM bastelt bereits am Kader für die übernächste Saison 2016/17.

Baustelle 9, die Kreativabteilung: Wenn es je Zweifel an der Klasse von Marko Bezjak als Spielmacher gab, mit dem Super-Dezember hat der Slowene sie alle restlos weggewischt. Er ist quasi der Grundbaustein für die nachhaltig positive Entwicklung der letzten Wochen, lenkt auffällig unauffällig das Spiel und setzt seine Nebenleute perfekt in Szene. Dass dabei die eigene Torgefahr ab und zu auf der Strecke bleibt, tut seiner Leistung keinen Abbruch - die Tore, die der 28-Jährige machen muss, die macht er auch. In der Natur der Sache liegt es, dass Michael Haaß dadurch weniger als Denker und Lenker gefordert ist, dafür ist der Regisseur a. D. in der Deckung nicht wegzudenken.

Baustelle 10: Führungsspieler: Fabian van Olphen ragt als Kapitän weit heraus, andere "Lautsprecher" oder "Tonangeber" sind für den Außenstehenden nur schwer auszumachen. Vielmehr liefert der SCM mit seinem Höhenflug auf Rang vier den besten Beweis dafür, dass auch ein Verein, bei dem nach wie vor die Mannschaft der Star ist, erfolgreich oben mitmischen kann.

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