Die SCM-Handballer haben drei Tage nach ihrer bitteren Finalniederlage im DHB-Pokal ihre Stehaufmännchen-Qualitäten unter Beweis gestellt und ihr Bundesligaspiel in Balingen mit 32:25 (15:14) gewonnen. Erfolgreichster Schütze am Mittwochabend war Robert Weber (9). Mit dem "tragischen Helden von Hamburg" sprach Janette Beck.

Volksstimme: Vor wenigen Tagen noch am Boden zerstört, jetzt diese Wiederauferstehung - Respekt! Wie haben Sie den Kraftakt für Körper und Kopf hinbekommen?

Robert Weber: Zugegeben, das war nicht einfach. Ich habe in Hamburg in der Kabine ein Bierchen mit den Jungs getrunken, geschmeckt hat es nicht. Ich wollte am liebsten mit mir und meinem Schicksal alleine sein und in mich kehren. Auf der Rückfahrt habe ich mir einen Film angeschaut, um mich abzulenken. Ich bin dann auch nicht mit zum Mückenwirt gegangen, ich wollte einfach nur noch nach Hause.

Die Familie als Zufluchtsort und Heilstätte für die verletzte Handball-Seele?

Ja, so kann man das sagen. Als ich ankam, haben meine Frau und mein Sohn schon geschlafen. Die Heimkehr, die Ruhe und das Reden mit Lisa hat meine Welt wieder ein Stück gerade gerückt. Wir haben noch zwei Stunden gequatscht und darüber philosophiert, wie hollywoodreif das Finale war, und dass ausgerechnet mir, dem Liga-Top-Torschützen, so etwas passiert.

Viele haben sich gefragt, warum Sie überhaupt zum entscheidenden Siebenmeterweren angetreten sind?

Ja, warum denn nicht?

Weil Sie angeschlagen waren durch die Fußverletzung und bereits im Spielverlauf des Finals zwei Strafwürfe nicht verwandeln konnten.

Schon, aber so bin ich nicht gestrickt. Ich bin nicht der Typ, der kneift, wenn`s darauf ankommt. Wenn ich gefragt werde, ob ich werfen möchte, dann sage ich immer ja, immer. Einer hat der A ... sein müssen, und das war diesmal halt ich. Sicher, diese Erfahrung war schon krass, aber ich möchte sie nicht missen.

Wie bitte?

Natürlich bin ich nicht froh, das Ding vergeigt zu haben. Aber als ich am Morgen danach aufgewacht bin, da fühlte ich mich eine Spur erwachsener. Klingt bescheuert, ist aber so. Ich bin durch diese Sache irgendwie mental gewachsen.

Wie haben Sie die Reaktionen aus dem Umfeld wahrgenommen?

Das war echt gigantisch und sehr beeindruckend. Es gab nicht einen einzigen, der mir Vorwürfe gemacht hat. Die Spieler, die Fans, Marc Schmedt, Steffen Stiebler ... alle haben versucht, mich wieder aufzubauen. Auch über die sozialen Netzwerke habe ich unglaublich viel Zuspruch erhalten. Das hat mir gezeigt, so ein verpatzter Siebenmeter ist nicht der Weltuntergang, und wir können als Mannschaft stolz darauf sein, was wir geleistet haben.

Trotz Ihrer Fußprobleme haben Sie darauf bestanden, in Balingen zu spielen, warum?

Der Wille war einfach größer als der Schmerz. Es war mir unglaublich wichtig, sofort wieder aufs Pferd zu steigen, nachdem ich runtergefallen bin. Ich wollte einfach zeigen: Hey, ich kann`s doch! Und es ist irgendwie komisch: Ich fühle mich im Nachhinein wie neu geboren. Die Freude am Spiel ist wieder zurück.

Nicht nur Sie, die ganze Mannschaft hat mit ihren Nehmerqualitäten beeindruckt. Von Beginn an haben Sie das Spiel bei den heimstarken Balingern bestimmt und immer geführt. Der Vorsprung wurde über die Stationen 10:6 (16.), 20:15 (37.) und 28:22 (49.) ausgebaut. Waren Sie selbst von dieser Souveränität überrascht?

Wir wollten als Mannschaft Charakter zeigen, und das ist uns eindrucksvoll gelungen. Die Abwehr stand sofort, und wir haben den deckungsstarken Balingern gleich den Schneid abgekauft. Am Ende lief alles leichter als gedacht, das hätte ich in der Tat so nicht erwartet.

Mit dem Sieg wurde der 4. Platz in Beton gegossen. Wie wichtig ist Ihnen das vier Spieltage vor Saisonschluss?

Sehr wichtig. Mit den zwei Punkten in Balingen war nicht unbedingt zu rechnen. Um so schöner ist es, dass wir jetzt schon durch sind mit dem Thema Europacupplatz, und nicht wie geplant erst beim Heimspiel gegen Bietigheim. Alles, was jetzt kommt, ist Zugabe. Wir freuen uns alle auf Mittwoch, denn da möchten wir unseren fantastischen Fans ein Teil von dem zurückgeben, was wir in den Tagen vor, während und nach Hamburg bekommen haben.