Magdeburg. Am Samstagmorgen stand Fabian van Olphen im Zimmer des Hotels "Maritim Schnitterhof" im idyllischen Bad Sassendorf vor seinem Bett und musste feststellen, dass sich sein Knie von der natürlichen Beweglichkeit verabschiedet hat. Sein Zimmerkumpel Bennet Wiegert versuchte dann, dem Niederländer im Kampf gegen den Schmerz Mut einzuimpfen mit Blick auf das abendliche Spiel. Einige Zimmer weiter stand auch Keeper Gerrie Eijlers vor seinem Bett und betrachtete mit Argwohn sein geschwollenes Knie, ein trauriges Überbleibsel aus dem "herben Rückschlag" gegen Frisch Auf Göppingen am Dienstag zuvor (24:24), wie es sein Trainer Frank Carstens erst erklärte und sich dann zum "sehr unglücklichen Punktverlust" korrigierte.

Wenn allerdings derzeit etwas richtig gut gelingt bei den Bundesliga-Handballern des SC Magdeburg, dann ist es der Aufstand der Enttäuschten vor dem Hintergrund der personellen Probleme. Carstens sagt: "Wir brauchen solche Situationen." Jene nämlich, in denen der SCM seine "Steh-Auf-Männchen"-Qualitäten beweisen kann. Das tat die Mannschaft am Samstag bei Ahlen-Hamm, sie gewann nach schwacher erster und starker zweiter Halbzeit mit 37:29 (15:16). Und ein älterer, grauhaariger Herr, geoutet als HSG-Fan, hatte das Resümee des Spiels nach der Partie und auf der Toilette auf den Punkt gebracht: "Die haben uns ja überrollt, mein Gott."

Der Handballgott spielte mit van Olphen, er spielte mit Wiegert, nur mit Jure Natek und Andreas Rojewski spielte er nicht. Beide kamen aus dem rechten Rückraum zu sechs Toren aus 15 Versuchen. Rückraum links mit van Olphen und Wiegert bilanzierte indes folgende Zahlen: zwölf aus 14. Das ist klasse - und trotzdem beiläufig. Denn Wiegert weiß, dass die Statistik beim nächsten Mal zu einem anderen Ergebnis kommen kann. "Das war eine geschlossene Mannschaftsleistung. Uns war bewusst, was wir in der ersten Halbzeit falsch gemacht haben, umso schöner war es dann, dass wir eine entsprechende Antwort geben konnten."

Wenn Wiegert zum Wurf springt, zittert jedes gegnerische Trikot. Der 29-Jährige ist kein Natek, der allem Anschein nach immer aus Versehen oder aus der Not heraus trifft, was wiederum seine Klasse unterstreicht. Wiegert will offenkundig, dringt zuweilen in die unmöglichsten Abwehrkonstellationen ein, um dann den Ball in Höchstgeschwindigkeit zu platzieren. In Hamm tat er das siebenmal, bei acht Versuchen. Carstens hatte ja nach der Knieanalyse am Morgen einige Möglichkeiten durchgespielt - und sich für die beste am Abend entschieden.

Wiegert weiß um seine Rolle als zweiter Mann: "Es ist einfach mein Job" einzuspringen, wenn er gefordert ist. Seine Position ist ihm dabei völlig egal. Tatsächlich gibt es wohl nur die Torhüter-Rolle, die er noch nicht ausgefüllt hat. Das mag der Hauptgrund sein, dass ihn die Gerüchte um einen möglichen Neuzugang auf Rückraum links in der Sommerpause ganz und gar nicht tangieren. "Es ist auch nicht mein Job, darüber zu reden", sagt Wiegert. Es müsse eben alles ins Gesamtkonzept passen.

Das Konzept dieser Saison sieht nun überraschenderweise dem Europapokal entgegen. Der SCM ist punktgleich gezogen mit dem Tabellensechsten, dem Platz der gefühlten Europa-Sicherheit, SG Flensburg-Handewitt. "Natürlich schielt man dorthin", sagt Wiegert. "Wir haben noch vier Heimspiele und zwei Auswärtsspiele. Und wir wissen, zu Hause können wir jeden schlagen." Aber viel wichtiger ist ihm die Erkenntnis aus der zweiten Hälfte in Hamm: "Wir haben wieder einen Schritt nach vorn gemacht." Und jener soll nicht der letzte gewesen sein.