Magdeburgs Handball-Ikone Stefan Kretzschmar hat, wie am Donnerstag bekannt wurde, um die vorzeitige Auf ösung seines Vertrages als SCM-Sportdirektor gebeten. Wie konnte es dazu kommen ? Die Volksstimme zeigt wesentliche Stationen auf, wie sich das Verhältnis zwischen Kretzschmar und dem Verein in den zurückliegenden knapp zweieinhalb Jahren entwickelt hat.

Magdeburg. Der Triumph im EHF-Cup ( Der SCM hatte sich im Finale gegen den spanischen Klub Aragon durchgesetzt. ) war noch nicht richtig verklungen, da meldete sich Leitwolf Stefan Kretzschmar mit überraschenden Kommentaren zu Wort.

1. Mai 2007 : " Das könnte in absehbarer Zeit der letzte Titel für uns gewesen sein ", mutmaßt der Ex-Nationalspieler in einem Volksstimme-Gespräch angesichts des personellen Umbruchs beim SCM, bei dem fünf Leistungsträger gehen werden. " Im Mittelfeld herumzudümpeln, ist mir persönlich aber zu wenig. "

Zugleich greift er die neue Vereinsspitze ( Präsident Rolf Oesterhoff und Manager Holger Kaiser ) an : " Ich bin enttäuscht, dass die neue Entwicklung im Verein an mir vorbeigegangen ist. Der SCM ist mein Traumverein, ich könnte mir vorstellen, sofort mit der neuen Saison als sportlicher Leiter die Geschicke zu übernehmen und nur noch als Standby-Spieler zu fungieren. "

6. Mai 2007 : Kritische Äußerungen Kretzschmars zur Vereinsspitze haben ein Nachspiel. Das " vereinsschädigende Verhalten " ( Oesterhoff ) des Linksaußen, der zudem öffentlich Anspruch auf den Managerposten beim Champions-League-Sieger angemeldet hatte, wird mit einer Abmahnung bestraft.

Für Beobachter ist von Anfang an nicht zu übersehen : Zwischen Kretzschmar und Neu-Manager Kaiser stimmt die Chemie nicht. Oesterhoff stellt klar : " Auch wenn, Kretzsche ‘ in Zukunft im Management mitmischen sollte, Chef im Ring ist und bleibt Holger Kaiser. "

25. Mai 2007 : Es wird bekannt, dass Kretzschmar nach der Saison seine Spieler-Karriere beendet. Für ihn wird zum 1. Juli die Funktion des Sportdirektors geschaffen. Er soll verantwortlich sein für Marketing, Außendarstellung und Talentsichtung. " Ich bin müde und ausgebrannt, was den Handball betrifft. Vor allem nach dem Gewinn des EHF-Cups fehlt mir die Motivation ", begründet er den vorgezogenen Zeitpunkt für sein Karriere-Ende. " Ich habe immer gesagt, dass ich aufhören werde, wenn ich keinen Spaß mehr am Handball habe. Nach 16 Jahren stellt die Bundesliga für mich keine Herausforderung mehr dar. "

25. August 2007 : Kretzschmar stürzt sich mit Elan in die neue Aufgabe. " Sportdirektor des SCM zu sein, ist spannend, es macht mir Spaß, innovativ zu sein und ein Konzept zu erspinnen. Es ist für mich eine große Herausforderung, diesem Verein in Zukunft meinen Stempel mit aufzudrücken ", sagt er im Volksstimme-Interview. " Mein SCMSpieler der Zukunft muss zu uns passen, er muss grün-rot bluten und sich mit dem Verein identif - zieren und nicht bei der erstbesten Gelegenheit dem Lockruf des Geldes erliegen. "

Der Sportdirektor arbeitet daran, Michael Biegler als Trainer von Wilhelmshaven nach Magdeburg zu holen und die Verträge von Jurecki, van Olphen, Sprenger, Grafenhorst und Theuerkauf zu verlängern.

1. Februar 2008 : Biegler wird Cheftrainer des SCM und arbeitet fortan sehr eng und vertrauensvoll mit Kretzschmar zusammen.

Trotz unübersehbarer sportlicher Erfolg knirscht es zwischen Kretzschmar und der Vereinsführung auch in der Folgezeit.

1. April 2009 : Der Machtkampf bricht offen aus. Auf einer ohne Kenntnis der Vereinsspitze und des Aufsichtsrates einberufenen Pressekonferenz gibt Biegler, der den SCM in der Saison 2008 / 2009 zu einem unerwarteten Höhenf ug geführt hatte, überraschend bekannt, dass er seinen Vertrag zwar bis 2010 erfüllen, aber darüber hinaus nicht verlängern werde. Auch Kretzschmar macht deutlich, dass er über seine Zukunft nachdenkt : " Wenn ich merken würde, dass ich nicht gewollt und nicht erwünscht bin, dann würde ich meine Konsequenzen ziehen. Da muss man sehen, wohin die Reise geht. Bis dahin wird gekämpft. Aber sicherlich werden sich die Waffen verschärfen. "

2. April : Die leitenden Gremien des SCM kündigen an, in das Machtgerangel zwischen sportlicher Leitung ( Kretzschmar, Biegler ) und Manager / Vereinsspitze einzugreifen.

6. April : Es kommt zum Eklat. Der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Johannes Kempmann, rechnet auf einer Pressekonferenz mit dem Sportdirektor ab. Er wirft ihm Egoismus und Ich-Bezogenheit vor. " Für ihn gibt es nur erstens : ich ; zweitens : ich ; drittens : ich. " Von einer " Verantwortung im Gesamtgefüge hat er noch nie etwas gehört ".

Die bei der eigenmächtig einberufenen Pressekonferenz geäußerte Kritik des Sportdirektors an der Arbeit Kaisers ( Unfähigkeit, Führungsschwäche ) nennt Kempmann einen " unverantwortlichen verbalen Amoklauf ". Wäre etwas Ähnliches in seinem Unternehmen geschehen, hätte der betreffende Mitarbeiter " zehn Minuten Zeit, seinen Schreibtisch zu räumen ". Und : " Vertrauen, Verantwortung, Seriosität, Respekt – das sind Begriffe, die er nur aus dem Fernsehen kennt. "

Zugleich erklärt Kempmann als Aufsichtsratschef zum 30. April seinen Rücktritt. Kaiser kündigt an, seinen bis 2010 geltenden Vertrag am 30. Juni 2009 vorzeitig zu beenden.

Das SCM-Präsidium " missbilligt " zwar am selben Tag das Vorgehen Kretzschmars, betont aber gleichzeitig, dass es sich angesichts der " angeheizten Treibjagd " auf Kaiser gezwungen gesehen habe, dessen Vertrag aufzulösen. Kaiser kontert : " Die Herren wollen das Thema Kretzschmar nicht anfassen. "

Es bleibt das Fazit : Der Machtkampf mit Kaiser ist erst einmal für den Sportdirektor entschieden.

Dennoch beschäftigen sich in der Folge die Gremien des SCM weiter ständig mit dem " Thema Kretzschmar " – auch wenn Substantielles nicht nach außen dringt.

28. Mai : Kretzschmar erklärt : " Mein Gefühl sagt mir, dass mir die Entscheidung über meine Zukunft beim SCM von anderen abgenommen wird und ich nicht selbst darüber entscheiden werde. " Biegler kritisiert : " Wir bekommen Knüppel zwischen die Beine geworfen. " Wen konkret sie meinen, sagen sie aber nicht.

4. Juni : Mit Hartmut Krüger, Wieland Schmidt, Ingolf Wiegert und Ernst Gerlach ergreifen in der Volksstimme SCM-Urgesteine Partei für Kretzschmar. Schmidt bezeichnet es als " Untergang des SCM, Kretzschmar und Biegler aus dem Verein herauszumobben ". Wer aber Kretzschmar wie mobben soll, sagen auch sie nicht.

5. Juni : Interimspräsident René Bethke weist Vorwürfe des Mobbings gegen Kretzschmar und Biegler scharf zurück. " Das ist schwachsinnig. In der Vergangenheit hätten wir die Möglichkeit gehabt, ihn rauszuwerfen. Das haben wir nicht getan. Warum also sollten wir ihn jetzt mobben ?" Die Wortmeldungen der SCM-Urgesteine empfnde er als " imageschädigend ". Er spricht von " plumpen Parolen ... Das ist wie ein Dolchstoß von hinten ".

18. Juni : Kretzschmar sorgt erneut für Gesprächsstoff. Bei der Wahl des neuen SCM-Präsidenten Eckhard Lesse verweigern nur zwei Delegierte die Stimme – einer davon ist Kretzschmar.

6. Juli : Präsident Lesse wird in Personalunion auch Geschäftsführer der Handball-GmbH – und damit direkter Vorgesetzter von Kretzschmar.

13. August : Nach Volksstimme-Informationen ergreift der Sportdirektor die Initiative und schiebt Verhandlungen über eine mögliche Aufösung seines bis zum 30. Juni 2010 laufenden Vertrages schon zum Ende des Monats an.

14. August : Nach einer Präsidiumssitzung, die sich mit der Personalie Kretzschmar beschäftigt hatte, teilt Geschäftsführer Eckhard Lesse lakonisch mit : " Kein Kommentar. "

Dem Internetanbieter Spox sagt Kretzschmar am Nachmittag : " Wir befnden uns mitten in Gesprächen und sind weit von einem Resultat entfernt. Die Gespräche betreffen eine vorzeitige Vertragsaufösung aus persönlichen Gründen. Es gibt keinen Plan B, keine Verhandlungen mit anderen Vereinen und Verbänden. Ich werde mich einigen privaten Projekten widmen, aber was den Handball betrifft, habe ich keine Gespräche geführt. "

Dem MDR-Fernsehen sagt er, er wolle wegen " unüberwindbarer Differenzen " mit der SCMFührung gehen. Die Gründe hätten mit Mannschaft und Trainer nichts zu tun. Aber nach den vielen Veränderungen und Schwierigkeiten in den vergangenen zwei Jahren sei er an einem Punkt, wo er sehr enttäuscht sei und es keinen Sinn und Spaß mehr mache.