Magdeburg. Der Machtkampf im Magdeburger Handball zwischen Sportdirektor Stefan Kretzschmar und Manager Holger Kaiser ist, zumindest vorerst, entschieden. Kaiser kündigte gestern an, seinen bis 2010 geltenden Vertrag am 30. Juni vorzeitig zu beenden. Mit Kaiser wird der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Handball-GmbH, Johannes Kempmann, bereits zum 30. April sein Amt aufgeben.

Kempmann, Geschäftsführer des Magdeburger Energieversorgers SWM, nutzte seinen Auftritt auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz zu einer Generalabrechnung mit Kretzschmar. Er warf ihm Egoismus und Ich-Bezogenheit vor. " Für ihn gibt es nur erstens : ich ; zweitens : ich ; drittens : ich. " Von einer " Verantwortung im Gesamtgefüge hat er noch nie etwas gehört ".

Die am vergangenen Mittwoch auf einer eigenmächtig einberufenen Pressekonferenz geäußerte Kritik des Sportdirektors an der Arbeit Kaisers ( Unfähigkeit, Führungsschwäche ) nannte Kempmann einen " unverantwortlichen verbalen Amoklauf ". Wäre etwas Ähnliches in seinem Unternehmen geschehen, hätte der betreffende Mitarbeiter " zehn Minuten Zeit, seinen Schreibtisch zu räumen ". Kretzschmar habe es hingegen " klar abgelehnt ", sich bei Kaiser für seinen " Rundumschlag " zu entschuldigen.

Mit Kretzschmar, so Kempmann, wolle er trotz dessen unbestrittener Verdienste um den Magdeburger Handball nicht mehr zusammenarbeiten. " Vertrauen, Verantwortung, Seriosität, Respekt – das sind Begriffe, die er nur aus dem Fernsehen kennt. " Egal, wer künftig Geschäftsführer der Handball-GmbH werde, Kretzschmar werde auch dem neuen Mann gegenüber " mit Erpressung immer wieder durchkommen ".

Wie der Aufsichtsrats-Vorsitzende darlegte, habe er selbst eine konsequente Linie gegenüber dem Sportdirektor verfolgt. Damit habe er sich jedoch im eigenen Aufsichtsrat und gegenüber dem SCM-Präsidium nicht durchsetzen können. " Es ist schwer, ein Sport-Idol wie Kretzschmar in die Schranken zu weisen. Die dafür erforderliche klare Linie gab es nicht. "

Den Ausschlag für seinen Rücktritt habe letztlich die überraschende Aussage von Interims-Präsident Rene Bethke gegeben, nun doch nicht – wie angekündigt – im Mai für das Präsidentenamt im SCM zu kandidieren.

Da Kaiser laut einer am selben Tag verbreiteten Presseerklärung des SCM-Präsidiums in den verbleibenden Monaten " ausschließlich für die Themen Finanzamt und Lizenzierungsverfahren " zuständig sein soll, gilt Kretzschmar nunmehr als der starke Mann bei den Bundesliga-Handballern. Kempmann : " Faktisch ist es jetzt in seiner Verantwortung, die Dinge zu regeln. "

Kretzschmar wollte sich gegenüber der Volksstimme zu den Äußerungen Kempmanns zunächst nicht äußern. " Das muss ich mir selbst erst einmal anhören. " Insgesamt überrasche ihn aber die neue Situation : " Ich habe davon noch nichts gehört. "

Heute will sich das SCM-Präsidium mit der neuen Situation beschäftigen. Das Gremium hatte gestern zwar das Vorgehen Kretzschmars " missbilligt ", gleichzeitig aber betont, dass es sich angesichts der " angeheizten Treibjagd " auf Kaiser gezwungen gesehen habe, dessen Vertrag aufzulösen.

Das sieht der Manager anders. Ihm sei sogar eine Vertragsverlängerung angeboten worden, sagte er der Volksstimme. Da er jedoch keine Rückendeckung des Präsidiums (" Die Herren wollen das Thema Kretzschmar nicht anfassen ") spüre, ziehe er die Konsequenzen. Es sei aber falsch, dass er als Manager zum Bundesliga-Rivalen SG Flensburg gehe.

Angesichts der personellen Paukenschläge und der harschen Kretzschmar-Kritik ging die Bekanntgabe der Höhe der seit Monaten mit Spannung erwarteten Steuernachforderung fast unter. Laut Kaiser muss die Handball-GmbH für nicht gezahlte Abgaben aus den Jahren 1999 bis 2007 insgesamt 252 000 Euro an den Fiskus nachzahlen. Laut Kempmann " haben wir den allergrößten Teil davon bereits zusammen ". Die Sponsoren hätten dafür noch einmal tief in die Tasche gegriffen.