Nach dem unglücklichen Aus der deutschen Handballer bei der WM in Kroatien sind die Schiedsrichter unter Beschuss geraten. Über die Leistungen der Unparteiischen und den Umgang mit bitteren Niederlagen speziell im deutschen Team sprach Volksstimme-Redakteurin Janette Beck mit dem Magdeburger Bernd Ulrich, der zusammen mit seinem Partner Frank Lemme bisher drei WM-Spiele gepfiffen hat.

Volksstimme: Wir wollen nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, daher zuerst die Frage nach Ihren persönlichen Eindrücken von der WM?

Bernd Ulrich: Wir Schiedsrichter können uns über die Bedingungen bei der WM nicht beklagen. Die Kroaten sind total gastfreundlich und tun alles, damit wir uns wohlfühlen. Wir bewohnen im Sheraton Einzelzimmer mit Internetanschluss, alles ist vom Feinsten. Aber auch die organisatorischen Abläufe innerhalb des Turniers klappen reibungslos.

Volksstimme: Und wie beurteilen Sie Ihren Job als WM-Schiedsrichter?

Ulrich: Wir haben bisher drei Spiele gepfffen, darunter das Eröffnungsspiel. Die Partie Kuba gegen Korea war etwas unorthodox und nicht so einfach zu händeln, weil dort zwei Handballwelten aufeinanderprallten. Dennoch gab es bisher keine Klagen. Dass alles ruhig ablief, hat sicher auch mit der Konstellation zu tun, dass sich Frankreich und Kroatien als Halbf nalisten früh herauskristallisiert hatten.

Volksstimme: Um so brisanter und turbulenter ging es in der deutschen Gruppe zu. Nachdem sich das Brand-Team bereits im Spiel gegen Norwegen von den Schiedsrichtern benachteiligt sah, lief das Fass nach dem unglücklichen Aus gegen Dänemark über. Von " Betrug " und " Skandal " war da die Rede. Einige sahen sogar ein " System " dahinter. Wie sehen Sie die harsche Kritik an ihren Kollegen?

Ulrich: Ich kann die Aufregung nur bedingt nachvollziehen. Vor allem das Theater, das die Deutschen hier teilweise veranstalten, halte ich für völlig überzogen. Allen voran sollte TV-Experte Markus Baur, der im Fernsehen vor einem Millionen-Publikum sich anmaßend über die Schiedsrichter äußert, den Ball etwas flacher halten und sich dreimal überlegen, was er da so raushaut ...

Volksstimme: Sind die Deutschen also nur schlechte Verlierer?

Ulrich: Natürlich kann ich die Enttäuschung nachvollziehen, aber man macht es sich zu einfach, die Niederlagen und die Schiedsrichterleistungen an den beiden letzten Entscheidungen festzumachen – auch wenn sie zugegebenermaßen spielentscheidend waren. Man sollte sich doch zuerst einmal selbst an die eigene Nase fassen und fragen, was vorher schiefgelaufen ist und wieviel Dinger durch eigenes Verschulden versiebt wurden.

Volksstimme: Ihre Kollegen haben also alles richtig gemacht?

Ulrich: Das sag ich doch gar nicht. Wir sind auch nur Menschen und auch Schiedsrichter machen Fehler. Wenn die sich am Ende eines Spiels ausgleichen, ist alles gut. Keiner ärgert sich doch mehr als man selbst, wenn hinterher die Fernsehbilder, wie im Fall Jogi Bitter, der nachweislich noch am Ball war, beweisen, dass man eine Fehlentscheidung getroffen hat. Aber so ist nun mal der Sport. Vor zwei Jahren sahen sich die Franzosen benachteiligt und diesmal sind es eben die Deutschen. Wenn man zwei Spiele hintereinander unglücklich verliert, dann glaubst du vielleicht an Verschwörung, aber pure Absicht würde ich keinem meiner Kollegen unterstellen, keinem.