Halle / Westfalen / Magdeburg - Magdeburg war am Montagabend in aller Munde. Allen voran waren es zwei in enger Beziehung zur Sportstadt an der Elbe stehende Trainer, die dem vierten Tag der Handball-WM den grün-roten Stempel aufgedrückt hatten.

In Magdeburg selbst sorgte Ex-SCM-Trainer Alfred Gislason, der mit seinem isländischen Team das Unmögliche möglich machte, Weltmeister Frankreich mit 32 : 24 entzauberte und wie Phönix aus der Asche als Gruppensieger in die Hauptrunde I einzog. Das gleiche Kunststück gelang SCM-Coach Bogdan Wenta in Halle / Westfalen, wo die Polen der deutschen Mannschaft beim 27 : 25-Erfolg einen Dämpfer verpassten.

Die Bördelandhalle bebte. Schon Mitte der zweiten Halbzeit – Island war soeben durch das einzige Tor des für den TBV Lemgo spielenden Asgeir Hallgrimsson gegen die völlig neben ihren Schuhen stehenden Franzosen 27 : 17 davongezogen – rollten La-Ola-Wellen durch die bis auf den letzten Platz gefüllte Arena. Die rund 400 Fans von der Geysirinsel und mit ihnen das begeisterte Magdeburger Publikum feierten die erste Sensation dieser WM. Die allein aufgrund des schlechtesten Torverhältnis in den Spielen gegeneinander ausgeschiedenen Ukrainer hatten da bereits abgrundtief enttäuscht die Stätte ihrer Schmach verlassen.

" Das war ein Traumspiel ", war Island-Coach Gislason nach dem Abpfiff außer sich vor Freude. " Nach dem Debakel gegen die Ukraine hatten wir grausame 24 Stunden hinter uns. Meine Mannschaft hat gegen Frankreich alles gegeben. " Trotzdem, so der Ex-SCM-Coach weiter, werden die Franzosen ins Finale einziehen : " Es war für sie ein Dämpfer zu rechten Zeit. Ihr nächster Gegner tut mir jetzt schon leid. "

Noch eine Stunde nach Spielschluss, von unzähligen Fans umringt, gestand der erst vor der Saison vom SCM entlassene und zu Ademar Leon gewechselte Publikumsliebling Sigfus Sigurdsson : " Wir waren wild entschlossen. Nach zwei Spielminuten war mir klar, dass wir weiterkommen. "

Gislasons Gattin Kara erzählte, dass ihr Alfred noch am Morgen des Spieltages im Mannschaftshotel gebeten hatte, etwas mehr Bier als gewöhnlich kaltzustellen, denn " es könnte heute Abend noch was passieren …"

300 Kilometer weiter westlich in Halle / Westfalen war ebenfalls der Teufel los. Doch im Gerry-Weber-Stadion ging es wesentlich enger zu. Das Publikum klatschte sich die Hände wund, jubelte und schrie sich die Fan-Seele aus dem Leib, um den in Rückstand geratenen Deutschen doch noch irgendwie zum Sieg zu verhelfen. Doch es sollte nicht reichen. Es waren ausgerechnet die Magdeburger Bartosz Jurecki, Kapitän Grzegorz Tkaczyk und Karol Bielecki, die dem Gastgeberteam mit ihren Toren in der hektischen Schlussphase den Rest gaben.

" Das ist schon ein tolles Gefühl, und ich bin mehr als zufrieden, dass wir Deutschland bei der WM vor eigenem Publikum geschlagen haben ", war Wenta, der Vater des Erfolges, überglücklich, dass seine Hartnäckigkeit und seine Ideen endlich Früchte tragen. Dem deutschen Angriff gelang es oft nicht, die von Polen errichtete ( Deckungs ) - Mauer zu durchbrechen. " Baumeister " Wenta, ein Verfechter der beim SCM seit Jahren bevorzugten und von Gislason einst zur Perfektion getriebenen, defensiv eingestellten 6 : 0-Abwehr, hatte ganze Arbeit geleistet. Der Mittelblock u. a. mit SCM-Shooter Bielecki (!), stand wie eine Eins. Dabei kam dem 45-jährigen Coach auch zugute, dass er ein unter täglicher Beobachtung eingespieltes und miteinander harmonierendes Trio als Ass aus dem Ärmel ziehen konnte. " Natürlich hilft das enorm, es sind Abläufe, die wir in Magdeburg beim Training zigmal geübt haben, die funktionieren dann auch in Stresssituationen ", so Wenta.

Allerdings hat sich der Magdeburger, der während des Spiels wie ein Irrwisch an der Seitenlinie hin- und herfegte, mit seinen zum Teil provozierend wirkenden Aktionen keine Freunde gemacht. Der Gipfel war ein weggeschossener Ball in der 57. Minute, was mit einer Zwei-Minuten-Strafe geahndet wurde. Dafür entschuldigte sich Wenta im Nachhinein : " Es war, wie ich vorausgesagt habe, ein schweres und kein schönes Spiel. Es steckten viele Emotionen drin, auch bei mir als Trainer. Ich lebe und liebe diesen Sport, ich kann nicht anders. Allerdings die Aktion mit dem weggeschossenen Ball war doof von mir, da habe ich einen Aussetzer gehabt. Natürlich darf mir das als Trainer nicht passieren. "

Den gestrigen Ruhetag wollte der Pole mit deutschem Pass dafür nutzen, sich und die Mannschaft " wieder runterzuholen und auf die Schienen zu bringen ". Mit Erfolg anscheinend. Auf die Frage, was jetzt in der Euphorie des Sieges bei der WM noch möglich ist, antwortete Wenta gestern wieder unschuldig und lammfromm : " Wir bleiben auf dem Boden und schauen nur von Tag zu Tag. "