Halle / Westfalen - Ein Stück vom Himmel, ein Platz von Gott ... Der neuste Hit von Herbert Grönemeyer ist selbst bei der Handball-WM allgegenwärtig, denn der Glaube versetzt auch auf dem Spielfeld Berge. Dabei ist es völlig egal, wer welchen Gott anbetet und um Hilfe oder Schutz bittet, ob einer zuallererst an sich selbst glaubt, welches Ritual einem Sicherheit gibt, oder was für ein Talisman Glück bringt. " Jeder Mensch braucht irgend etwas, an dem er sich festhalten kann. Eine Konstante im Leben. Da sind auch Leistungssportler keine Ausnahme, im Gegenteil ", meint Johannes Bitter.

Wenn der getaufte Keeper im Tor steht, dann rechnet er nicht mit Hilfe von oben, sondern verlässt sich lieber auf seinen Glücksbringer und sich selbst. " Ich bin zwar kirchlich erzogen und gläubig, aber beim Handball habe ich glaube noch nie ein Stoßgebet gen Himmel geschickt, so nach dem Motto : Lieber Gott, bitte hilf mir. Ich denke, das sehen die Katholiken oder Russisch-Orthodoxen vielleicht doch etwas enger als ich ", so der Magdeburger, der von seiner Freundin Bernadette extra für die WM einen neuen Talisman geschenkt bekommen hat – ein Silberring mit chinesischen Schriftzeichen, der an einem Lederband um seinen Hals hängt. " Die Glücksbringer wechseln bei mir aber auch. Wenn einer mir über längere Zeit kein Glück gebracht hat, wandert er in die Kiste oder ich schmeiße ihn ganz weg. "

Oliver Roggisch ist dagegen ein eher pragmatischer Mensch. " Ich glaube schon, dass es da etwas Höreres über uns gibt, aber ich bin nicht der Kirchengänger oder bete. Ich vertraue lieber meinen eigenen Stärken und denen meiner Mannschaft. Ohne, bräuchte ich wohl nicht aufs Spielfeld gehen. Ich glaube fest daran, dass ich ein guter Abwehrspieler bin und halte auch daran fest, wenn es mal nicht so läuft ", würde der Abwehrchef des SCM und der Nationalmannschaft wohl niemals auf die Idee kommen, den lieben Gott um einen Sieg zu bitten, " für den sollte man lieber arbeiten, nicht beten ".

Nicht ohne meine Armbänder ist das Motto von SCM-Trainer Bogdan Wenta. Zwar berührt der gebürtige Pole vor dem Anpfiff nicht wie seine spielenden Landsmänner Tkaczyk, Jurecki und Bielecki oder der Russe Kuleschow kurz nach dem Anpfiff den Boden und bekreuzigt sich, aber natürlich trägt er dann und wann ein Kreuz um den Hals.

Irgendwann einmal übergestreift und seitdem nicht wieder abgemacht hat der 45-J ährige jedoch das hellblaue Armband mit dem eingeprägten Wort " strength " und das dunkelblaue von Christian Berge, dem an Krebs erkrankten und inzwischen genesenen ehemaligen Flensburger Handball-Star. Wenta : " Ich glaube an die Kraft dieser beiden Armbänder. Das eine macht mich stark, gibt mir Energie. Das andere hat mir Chrisitian persönlich gegeben. Es soll mich immer daran erinnern, dass man den vermeintlich kleinen Dingen dieser Welt wie Familie oder Gesundheit mehr Beachtung schenken sollte und es Wichtigeres im Leben gibt als ein Sieg oder eine Niederlage im Handball. "

Joel Abati ist bekennender Christ, er betet und macht aus seinem Glauben an Gott kein Geheimnis. Der 37-jährige Franzose, der in einen früheren Volksstimme-Interview die Überzeugung äußerte, dass sich Jesus die Welt so ungerecht und kriegerisch wie sie heute ist, nicht vorgestellt habe und er für eine bessere Welt kämpfe, gesteht : " Eigentlich ist mir der Sonntag heilig, aber fürs Handballspielen mache ich eine Ausnahme, es geht ja nicht anders. "

Der liebe Gott würde sicher auch Verständnis dafür zeigen, dass sein handballspielendes " Schäfchen " am 4. Februar, einem Sonntag, ausnahmsweise auf den obligatorischen Gang in die Kirche verzichtet. An diesem Tag würde Abati – mit Gottes Segen – in der KölnArena im Finale am liebsten um die WMTrophäe kämpfen. " Einmal hat das ja schon bei mir funktioniert. Vielleicht klappt das bei meiner letzten WM noch einmal ", hofft Abati, das Unglaubliche mit Gottvertrauen wahrmachen zu können.