Dortmund - Deutschlands Handballer sind ihrem Gold-Traum ein ganzes Stück nähergerückt. Eine in dieser Form kaum für möglich gehaltene Steigerung hat die " Brand-M änner " beim WMHeimspiel ins Viertelfi nale katapultiert. Die Grundlage zu Platz zwei in der Hauptrundengruppe 1 wurde am Samstag in Dortmund mit einem sensationellen 29 : 26 ( 14 : 9 ) -Erfolg gegen Frankreich gelegt. Zum Abschluss wurde Island im Schongang mit 33 : 28 ( 17 : 11 ) bezwungen.

Wenn im " Wohnzimmer " von Bundestrainer Heiner Brand die Party abgeht, 12 000 Zuschauer schon zehn Minuten vor Abpfiff nur noch stehen und ihr Team anfeuern, wenn das Wort " gigantisch " nicht ausreicht, um die Stimmung in der Halle zu beschreiben, dann muss etwas Großartiges passiert sein.

Wenn sich aber ein Henning Fritz ein Gemisch aus Tränen und Schweiß aus den Augen wischt, das deutsche Team im Jubelrausch einen tanzenden Kreis bildet und die Spieler plötzlich wie von einer Bowlingkugel getroffen nach hinten fallen oder ein redegewandter Christian Schwarzer sagt : " Mir fehlen die Worte, um das zu beschreiben, was ich gerade fühle ... " – dann muss wirklich etwas Unbeschreibliches passiert sein.

Und das war er auch, der Sieg über das übermächtig erscheinende, mit Stars gespickte Team des selbsternannten Titelaspiranten Frankreich ( Joel Abati : " Ein dritter Platz wäre schon eine Enttäuschung, wir wollen ins Finale und Weltmeister werden ") – unbeschreiblich schön.

Das Gastgeberteam hatte von der erstmaligen Führung an das Spiel bestimmt ( 3 : 2 / 5. Minute ). Die Siegessäulen waren eine vom Magdeburger Oliver Roggisch trotz Rückenverletzung hervorrangend organisierte Deckung ( nur neun Tore der Franzosen bis zur Pause sprechen für sich ), einer Top-Quote im Angriff ( 74 Prozent aller Würfe fanden das Ziel ) und eines überragenden Fritz im Tor.

Der Kieler wuchs vor allem in der hektischen Schlussphase über sich hinaus, in der Deutschland mehrfach in Unterzahl spielte, der Magdeburger Abati die Franzosen mit vier Treffern in Folge auf 26 : 28 ( 58. ) herangebrachte. Der " alte Fritz ", der bereits einen Siebenmeter vereitelt hatte, hielt in den letzten 100 Sekunden noch weitere zwei Strafwürfe. Genial !

Angesichts dieser mannschaftlich geschlossenen Vorstellung der Deutschen, die von manch einem schon als Geburtsstunde der neuen, goldenen Handball-Generation gefeiert wurde, fiel es selbst Brand schwer, nicht in überschwängliche Euphorie zu verfallen : " Vor diesem Spiel haben viele nur spekuliert, wie hoch die Niederlage gegen Frankreich ausfallen wird, und jetzt haben wir gewonnen. Das habe ich selber nicht für möglich gehalten - zumindest nicht in dieser Form. "

Dabei hatten der Gastgeber zu Beginn der Partie erstmal den Schock zu verkraften, dass Spielmacher Baur mit einer Wadenzerrung ausfiel. So musste der bei seinen Kurzeinsätzen bislang eher enttäuschende Michael Kraus ins kalte Wasser springen. Und der 23-jährige Göppinger machte gegen Frankreich das Spiel seines Lebens, führte klug Regie, verteilte wieselflink die Bälle und traf selbst sieben Mal. Verdienter Lohn waren nicht nur der symbolisch gezogene Hut der Teamkollegen, sondern auch die Auszeichnung als bester Spieler.

" Es war vielleicht ganz gut so, dass, Mimi ‘ gleich ran musste und keine Zeit hatte zu überlegen ", mutmaßte Pechvogel Baur ( er wird nach Auskunft der Ärzte im Viertelfinale fehlen ), der bei den kurzen Pausen auf der Bank neben dem unerfahrenen Spielmacher saß und ihm immer wieder Instruktionen und Tipps gab.

Kraus blieb bescheiden : " Mein Dank gilt der Mannschaft, die dafür gesorgt hat, dass der Ball laufen konnte und ich selbst viel Platz hatte. Jetzt brauchen wir nun noch auf dieser Welle weiterreiten, obwohl ich mir momentan nicht vorstellen kann, wie wir diese Leistung noch einmal steigern können. Aber das müssen wir wohl, wenn wir im Finale stehen wollen. "

Eine Steigerung war gestern gegen die ebenfalls schon fürs Viertelfi nale qualifi zierten Isländer gar nicht nötig, um den 33 : 28-Erfolg zu sichern. Nationaltrainer Alfred Gislason hatte schon nach einer Viertelstunde ( 5 : 10 ) Lunte gerochen, dass die erneut vom heimischen Publikum angefeuerte Deutschen in ihrem Spielrausch nicht zu bremsen sein werden. So begann er früh, seine Stamm-Sechs für Dienstag zu schonen.

Das kam zunächst für die Deutschen, die nach der Pause zweimal auf neun Tore davonziehen konnten, nicht in Frage. " Wir wollten weiter Gas geben und den Zuschauern etwas bieten. Es war schön zu sehen, dass auch kein Bruch in unser Spiel kam, als diejenigen eingewechselt wurden, die zuletzt weniger gespielt haben ", so Keeper Bitter, der sich auf einen Tag Ruhe und das Viertelfi nale freut : In dieser Verfassung und mit diesem fantastischen Publikum im Rücken können wir jeden schlagen. "