" Ich seh ‘ Dich. " Was wie eine Drohung klingt, ist bei Frederik Walker, der mitten im Gespräch mit dem Finger auf den vorübergehenden Oleg Velyky zeigt, ein Auge zukneift und grinst, nur " ein kleiner Scherz am Rande ". Doch der Mann weiß, wovon er spricht. Er beobachtet durch das Kamera-Objektiv die deutschen Handballer bei ihrer " Mission Gold " auf Schritt und Tritt.

Dortmund. Nichts entgeht dem geschulten Auge Walkers, das am liebsten in die Seele der Spieler schauen möchte. Mit Vorliebe filmt der Freiberufl er, der sich u. a. beim WDR einen Namen gemacht hat (" Die Story "), solche Jubelszenen wie beim Sieg gegen die Franzosen : " Wenn ich ‘ s nicht selbst gesehen hätte, ich hätte es nicht geglaubt ", schwärmt der Kameramann und hofft inständig, dass er die überschäumenden Emotionen mit seiner Kamera auch naturgetreu einfangen und für die Nachwelt konservieren konnte.

Nur wenn ihm das gelungen ist, wird auch der Daumen von Regisseur Winfried Oelsner hochgehen. Denn der Anspruch des 34-J ährigen, der sich im Juni von Produzent Stefan Limbach für das Projekt begeistern ließ, einen Dokumentarfi lm über die Handballer bei der Heim-WM zu drehen, ist groß. Und das nicht nur, weil Sönke Wortmann mit seinem hochgejubelten und letztendlich auch sehr erfolgreichen Kinofilm " Deutschland, ein Sommermärchen " die Messlatte hochgelegt hat.

" Ich will mein eigenes Ding machen und mich nicht am Sommermärchen der Fußballer orientieren. Unser Film soll vor allem dokumentarischen Charakter haben ", so Oelsner, dessen Doku-Film " Tsunami " auf Pro 7 bereits für Furore sorgte. " Mir reicht es nicht, nur ein Stimmungsbild wiederzugeben. Ich möchte dem Zuschauer auch die Spieler und ihren Sport, mit all seinen Reizen und Risiken oder das innere Gefüge einer Mannschaft interessant und anschaulich rüberbringen ", beschreibt Oelsner, der den Tourde-France-Film " Höllentour " als orientierende Vorlage benutzt, seinen Blickwinkel.

Bevor die Klappe tatsächlich fallen konnte, musste allerdings noch Bundestrainer Heiner Brand vom Handball-Pilot-Projekt überzeugt werden. Und der 54-J ährige stand der Idee, die auch vom DHB fi nanziell unterstützt wird, zunächst " äußerst skeptisch " gegenüber. Erst nach einem Probelauf beim Länderspiel gegen Spanien im Sommer gab Brand seinen Segen : " Das hat mich überzeugt, denn ich war mir sicher, dass auch der deutsche Handballsport nur von dem Film profi tieren kann. "

Seit dem Trainingslager am Ammersee Anfang Januar läuft Walkers Kamara fast rund um die Uhr. Beim Frühstück, beim Training, bei der Massage oder beim Pokern. " Anfangs war es komisch, dass da immer einer war, der die Kamera draufhielt, wenn man sich ein Marmeladenbrot schmierte ", beschreibt der Kieler Dominik Klein seine Erfahrungen mit den " Filmfritzen ".

Das Fremdeln währte nur kurz. Was nicht nur daran liegt, dass das TV-Team in der offi ziellen Sportkleidung der Deutschen kaum von der " richtigen " Mannschaft zu unterscheiden ist. Klein : " Mit der Zeit verliert man das Gefühl, ständig beobachtet zu werden. Inzwischen sind die Jungs fast ein Teil der Mannschaft. Ich nehme sie schon gar nicht mehr wahr. "

Auch die Filme-Macher sind hin und weg von den Hauptdarstellern : " Die Mannschaft ist uns ganz offen entgegengetreten. Die Spieler sind völlig unkompliziert, gehen respektvoll und locker miteinander um. " Die Atmosphäre sei dank der Stimmungskanonen Kehrmann und Hens meistens gut. " Es gibt keine Tabuzonen und keine Starallüren ", nennt Oelsner die Zutaten zu einem möglichen Erfolgsrezept.

Wenn die WM zuende ist, dann werden die " Macher " über 120 Stunden Material sichten und auseinanderschnippeln, bis schließlich der rund 80-minütige, noch namenlose Dokumentarfilm für die zunächst geplante DVD " oder sogar fürs Kino " fertig ist. Die Spieler freuen sich schon auf das Ergebnis der Produktion. " Es ist schon was Tolles, wenn man seinen Enkelkindern später einmal die DVD in die Hand drücken kann ", meint Oliver Roggisch. Doch der Magdeburger Abwehrspezialist weiß auch : " Ob der Film ein Erfolg wird, hängt maßgeblich von unserem Abschneiden ab. "

Auch Regisseur Oelsner hofft, dass er seinem Kollegen Wortmann, dem das goldene Happyend versagt blieb, die Show stehlen kann. Nämlich dann, wenn Walker hautnah dabei ist, wenn Kapitän Marcus Baur die WM-Trophäe in den Hallenhimmel reckt. Der Titel " Deutschland, ein Wintermärchen " würde sich für Oelsner zwar trotzdem verbieten. Aber wir wär ‘ s mit " Deutschland - Mission possible "?