Magdeburg l Frank Carstens hatte an jenem 15. Dezember 2013 geahnt, was in den nächsten Stunden passieren würde: Er saß damals nach der 31:34-Niederlage gegen Frisch Auf Göppingen im Presseraum der Getec-Arena, analysierte gewohnt sachlich das Spiel, nur das Gesicht war leicht gerötet und der Blick sehr leer. In der Halle hatten die Magdeburger Fans „Carstens raus“-Rufe angestimmt. Es war der letzte Auftritt des damaligen SCM-Trainers, bevor er sich nach dreieinhalb Jahren bei den Grün-Roten verabschieden musste. Trotz dieser Enttäuschung erinnert er sich völlig ohne Groll an seine Ära in Magdeburg zurück: „Ich habe dreieinhalb Jahre meines Lebens und meiner Arbeit in das Projekt investiert“, begründete er: „Ich hatte dort eine supertolle Zeit gehabt, das wird für mich immer bedeutend bleiben. Und ich nehme heute noch Anteil an der Entwicklung des SCM.“

Heute allerdings aus 220 Kilometern Entfernung: Carstens ist Trainer der Magdeburger Liga-Konkurrenten GWD Minden, den er im Februar 2015 übernommen hat, mit dem er erst aus der ersten Liga ab- und nach einjährigem Intermezzo im Unterhaus wieder in die erste Liga aufgestiegen ist. Mit dem er den Anspruch hat, „den Klassenerhalt zu packen. Und bislang haben wir unsere Arbeit ganz vernünftig gemacht“, sagte der 45-Jährige. Minden belegt mit 5:11 Punkten Platz 15. Und Minden ist am Sonnabend der Gastgeber des SCM in der Kampa-Halle (19 Uhr).

Dann spielen also auch Carstens‘ Emotionen eine größere Rolle als in anderen Duellen: „Der Vergleich gegen Magdeburg ist nie Alltag, sondern immer etwas Besonderes.“ Aber seine Konzentration liegt natürlich auf dem neuen Projekt Minden, das sich im Sommer mit nur zwei Neuzugängen verstärkte: mit dem Norweger Magnus Gullerud und dem Schweden Helge Freiman. Allerdings hat Kreisspieler Gullerud noch keine Minute für GWD gespielt. „Er musste an der Bandscheibe operiert werden“, berichtete Carstens, „das war natürlich ein erheblicher Eingriff, aber er hat bislang alle Schritte im Wiederaufbau gut weggesteckt.“

Gullerud und Freiman sind auch die Akteure, „die die Zukunft der Mannschaft gestalten könnten“, so Carstens. Mit ihnen wurde auch also auch in die Perspektive investiert. Zudem hat der Coach vier Spieler aus dem eigenen Nachwuchs ins Oberhaus geholt, „die ebenfalls schon ihre Qualitäten beweisen konnten“. Der Klassenerhalt soll nun über Siege gegen die direkten Konkurrenten gelingen. „Das ist uns in der Abstiegssaison nämlich nicht gelungen“, erklärte Carstens. Derzeit aber „befinden wir uns auf einem sehr, sehr guten Weg, auch wenn die eine oder andere Niederlage nicht so schön war“. Dafür aber der 24:23-Erfolg gegen den starken Mitaufsteiger HC Erlangen umso überraschender.

Der SCM ist nun kein direkter Konkurrent in Anbetracht der Ansprüche. Carstens traut den Magdeburgern zu, dass sie „mit ihrem hervorragenden Potenzial am Saisonende auf Platz drei oder vier landen können“. Derzeit ist der SCM Sechster mit 9:7 Zählern. „Entscheidend ist die Atmosphäre und dass das Team in einen Lauf kommt. Man muss einfach Geduld haben und die sportliche Leitung in Ruhe arbeiten lassen.“ Vor allem also Bennet Wiegert, den Trainer. Carstens: „Er hat alles, was man braucht: großen Ehrgeiz, die theoretischen und praktischen Kenntnisse. Außerdem kennt er das Revier. Und man sollte nie vergessen, dass ,Benno‘ bereits einen Titel als Trainer gewonnen hat. Den kann man ihm nicht mehr nehmen.“ Beim DHB-Pokalsieg im vergangenen Mai saß Carstens ebenfalls in der Hamburger Arena: „Ich hatte tatsächlich ein paar Freudentränen in den Augen.“