50 Jahre war Horst Grimm in leitender Funktion beim Genthiner Radsportclub 66 und dessen Vorgänger, der BSG Einheit, tätig. Unter ihm reiften spätere Deutsche Meister und Olympiasieger, er selbst sagt: "Der Erfolg ist eine Frage des Teamworks." Sportredakteur Björn Richter sprach mit dem 73-Jährigen über frühere Zeiten, heutige Probleme und warum er seinen Nachfolgern voll und ganz vertraut.

Volksstimme: Herr Grimm, langweilt Sie der Alltag als Rentner schon?

Horst Grimm: Nein, ich habe mehrere Hobbys. Radsport ist nicht das einzige. So bin ich auch Kleingärtner und besitze etwa 500 Kakteen, die ich pflege und züchte. Dafür kann man schon viel Zeit aufwenden

Volksstimme: Dennoch verbindet man untrennbar mit Ihnen den Genthiner Radsport ...

Grimm: ... und ich werde als Ehrenmitglied des Genthiner RC 66 auch weiterhin involviert sein. Ich bin nicht der Typ, der sagt: `Jetzt haue jetzt ab` und dann war es das für immer.

Volksstimme: War Ihre Entscheidung, nicht mehr als Vereinspräsident zu kandidieren, ein spontaner Entschluss?

Grimm: Nein, die Entscheidung ist gereift. 50 Jahre sind eine lange Zeit. Ich war zuvor als junger Spund drei Jahre lang bei der BSG Aufbau Güsen mit Erfolg als Trainer tätig. Nach meiner Armeezeit bin ich vom damaligen Kreisvorstand gefragt worden, ob ich nicht in Genthin als Trainer arbeiten will. Hier gibt es eine lange Radsporttradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht und diese sollte in den 1960er-Jahren wiederbelebt werden. Dort liegen die Anfänge der Sektion Radsport der BSG Einheit Genthin, aus dem nach der politischen Wende der GRC 66 hervorgegangen ist.

Volksstimme: War es früher einfacher, Talente für den Sport zu gewinnen und sie zum Erfolg zu führen?

Grimm: Natürlich. Damals kamen viel mehr Kinder zu uns. Heute beschäftigt uns in allen Sportarten der Geburtenknick. Die Interessen lagen seinerzeit auch woanders. Als es noch keine Computer gab, galten der Radsport und die Straße viel mehr als heute. Wir hätten im Verein 100 Renner haben können, mussten viele wieder nach Hause schicken. Heute würden wir uns über zehn Fahrer freuen.

Volksstimme: Wie haben sich die Rahmenbedingungen seitdem verändert?

Grimm: Nach unseren ersten Erfolgen sind wir Bezirkstrainingszentrum geworden und haben viel Unterstützung erhalten. Man musste nicht wie heute Sponsoren suchen und dem Geld hinterherlaufen. Eine häufige Frage damals lautete: Braucht ihr etwas? Als Beispiel: Zur Trainingsbegleitung hatten wir einen Barkas B 1000, das war eine große Sache.

"Wenn es Erfolge gab, war auch die Freude groß."

Volksstimme: Viele erfolgreiche Fahrer bis hin zu späteren Olympiasiegern durchliefen die "Genthiner Schule". Woran erinnern Sie sich am liebsten?

Grimm: Wann immer die Erfolge da waren, war auch die Freude groß. Im damaligen System wurden die besten Fahrer zu den großen Sportclubs delegiert und haben dort ihre weitere Entwicklung genommen. Mit manchen pflegt man noch die alten Bekanntschaften. Andere wie Bernd Dittert, der heute auf Mallorca lebt, verliert man aus den Augen.

Volksstimme: Macht Sie Ditterts Bahn-Olympiasieg nicht unglaublich stolz?

Grimm: In jedem Fall war es nicht nur mein Werk. Wir hatten immer engagierte Übungsleiter. Ich denke da an Hans-Werner Kant und seinen Bruder Wolfgang Fischbach, der seit über 30 Jahren dabei ist - erst als aktiver Renner, dann als Trainer. Beide waren maßgeblich an der Sichtung und Ausbildung junger Talente beteiligt. Vieles beim GRC 66 trägt ihre Handschrift. Wenn ich da an Nationalkaderfahrer und Teilnehmer an Junioren-Weltmeisterschaften wie Marcus Lemm oder Franziska Sturm denke. Ich war für passende Rahmenbedingungen verantwortlich, unsere Übungsleiter für die sportliche Entwicklung. Nicht vergessen möchte ich meine Frau Christel, die mich über 30 Jahre unterstützt hat, ob als Kassenwärtin oder beim gesamten Schriftverkehr. Erfolg ist eine Frage des Teamworks und das war es bei uns über all die Jahre hinweg.

Volksstimme: Zweifellos ist es aber einer Ihrer Verdienste, dass der Genthiner Radsport über die Zeiten hinweg Bestand hat.

Grimm: Wenn ich daran denke, wie viele Vereine es im ehemaligen Bezirk Magdeburg gab. Heute sind davon nur Osterweddingen und wir übriggeblieben. Es gibt neue Projekte, aber diese müssen sich erst beweisen. Kürzlich, bei der Jahreshauptversammlung des Landesverbandes, wurde auch die neue Entwicklung deutlich: Überall gründen sich neue Sektionen wie Trial oder BMX, der Rennsport verschwindet weiter aus dem Fokus, was uns große Sorgen bereitet. Aber es stimmt schon: Andere haben vielleicht vor den Herausforderungen kapituliert, denen wir uns gestellt haben. Wenn wir nach 1990 gesagt hätten, dass die Arbeit im Radsport zu anstrengend geworden ist, wäre schnell der Ofen aus gewesen.

Volksstimme: Stattdessen haben Sie mit dem GRC 66 durch den Spee-Cup eine eigene Erfolgsgeschichte geschrieben.

Grimm: Zu DDR-Zeiten gab es in Bitterfeld-Holzweißig den FDJ-Pokal im Mannschaftszeitfahren. Daran haben sich stets hunderte Teams beteiligt. Weil die Genthiner schon immer begeisterte Mannschaftsfahrer waren und sich die Lücke ergab, haben wir das Ganze dann hierher geholt. Als die Firma Henkel Hauptsponsor wurde, ist der Wettkampf eine gehörige Nummer größer geworden, mittlerweile hatten wir 15-mal den Status einer Deutschen Meisterschaft.

Volksstimme: 2014 ergeben sich jedoch Änderungen, oder?

Grimm: Korrekt, in diesem Jahr wird es aufgrund von Straßenbaumaßnahmen keine Deutsche Meisterschaft in Genthin geben. Dazu muss auch das Umfeld passen und das tut es in diesem Jahr einfach nicht. Wir und der Bund Deutscher Radfahrer bedauern dies gleichermaßen. Aber wir können nicht unseren Namen dafür hergeben, wenn die Veranstaltung einer Deutschen Meisterschaft nicht würdig wäre. Stattdessen wird es am 3. Oktober ein Kriterium, also einen Rundkursrennen durch die Innenstadt geben, dann aber nicht im Status einer nationalen Meisterschaft.

"Meine Nachfolger haben Ideen, die ich vielleicht nicht mehr hatte."

Volksstimme: Geben Sie das "Zepter" ruhigen Gewissens an Nachfolger Sebastian Hahn ab?

Grimm: Ohne Frage. Ich bin sehr optimistisch. Sebastian Hahn ist ein Mensch mit Visionen. Das ist auch das Problem wenn man älter wird: Man hat seit 50 Jahren eine Spur und in dieser läuft man. Sebastian Hahn und Stellvertreter Tobias Buchheister machen sich Gedanken, wie der Verein junge Leute gewinnen kann. Meine Nachfolger haben Ideen, die ich vielleicht in letzter Zeit nicht mehr hatte. Trotzdem stehe ich weiterhin zur Verfügung wenn ich gebraucht werde, lasse keinen ins offene Messer laufen.