Burg (bjr) l Etliche Male haben sie ihn nach den Spielen gefragt und sämtliche Überredungskünste offenbart. "Komm, setz dich doch dazu" zählte zu den häufigsten Sätzen, die Hartmut Müller in seinen drei Wahlitzer Jahren bis 2010 in der Kabine zu hören bekam. "Hin und wieder gab es dann ein Bier mit den Spielern, aber zu 80 Prozent eben nicht und ich bin nach Hause gefahren." Wer Müller näher kommen möchte, wahrt am besten immer einen gewissen Abstand. So hat es der heute 64-Jährige bei den Kreisliga-Kickern vom SVW und auch die anschließenden vier Jahre lang bis zum Ende der Landesligasaison 2013/2014 beim Burger BC 08 gehalten. "Ich glaube, eine gewisse Distanz muss vorhanden sein, um von den Spielern etwas einfordern zu können. Der Altersunterschied hilft dabei natürlich."

Wenn Müller dieser Tage den Staffelstab des BBC-Trainers an den ziemlich genau 20 Jahre jüngeren Thomas Sauer weiterreicht, weicht diese natürliche Grenze ein wenig auf. Doch etliche Spieler bei den Burgern und noch unzählige mehr in Sachsen-Anhalt haben auch eine andere Seite an ihm kennengelernt: "Die vielen Jahre im Nachwuchsbereich habe ich in gewisser Weise auch im erzieherischen Bereich verbracht."

Nach dem Ende seiner aktiven Karriere nach einer schweren Knieverletzung mit 18 Jahren schlug er schnell die Laufbahn des Übungsleiters ein. Ein Fernstudium an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig (DHfK) später folgten 14 Jahre als Nachwuchs- trainer beim 1. FC Magdeburg sowie die meiste Zeit beim Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) der damaligen DDR. Nachdem er von 1986 bis 1989 die Geschicke bei der BSG "Motor" Schönebeck gelenkt hatte, ging es nach der politischen Wende zurück in den Ausbilderbereich: "Das Glück war auf meiner Seite und ich konnte bis 2006 als Landestrainer arbeiten."

Aus gesundheitlichen Gründen folgte ein Jahr Pause, bis beim SV Wahlitz buchstäbliche "Basisarbeit" angesagt war. "Es ist meine persönliche Auffassung und ich bin schon öfter damit angeeckt, dass ein Trainer sein theoretisches Wissen in die Praxis bei unterklassigen Mannschaften und im Nachwuchs umsetzen sollte. Erst mit diesem Blick lassen sich manche Probleme überhaupt erfassen. Die Zeit in Wahlitz war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte." Und ohne sie wäre Müller vermutlich nie beim BBC 08 gelandet. Den SVW plagten seinerzeit Torwartprobleme. Aus gemeinsamen Schönebecker Tagen bestand noch der Kontakt zu Detlef Zimmer. "Er hat dann in zwei, drei wichtigen Spielen ausgeholfen. So sind wir auf den Gedanken gekommen, ob ich nicht auch in Burg `aushelfen` könnte."

Der Verein hatte sich nach dem Absturz in kreisliche Gefilde wieder auf Landesebene zurückgekämpft, Müller zeigte sich begeistert vom Konzept der neuen Führungscrew um Zimmer: "Wir wollten wieder die Nummer eins im Jerichower Land werden, dazu auf Spieler aus näheren Umgebung vertrauen. Ich denke, ein Großteil der Identifikation von den Zuschauern zum Verein beruht darauf." So gelang im zweiten Jahr der Sprung in die Landesliga, ehe in diesem Sommer der persönliche Absprung folgte. Leicht gemacht habe er sich die Entscheidung nicht, "aber ich fand, es war an der Zeit, meiner Frau und der Familie etwas zurückzugeben."

Der Sport hat in weiten Teilen von Müllers Leben also die Hauptrolle gespielt. "Als dann die Kinder und später die Enkelkinder hinzukamen, stand beides immer an erster Stelle, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen. Der Fußball auf der einen, die Familie auf der anderen. Dahinter kam ich beiden Fällen lange nichts."

Die Zeit der Abstufungen und Gewichtungen ist also nun Geschichte. Abgeschlossen hat er allerdings mit dem zur Lebensaufgabe gewordenen Sport noch längst nicht. Gut möglich, dass man ihn immer noch häufiger im BBC 08-Parkstadion antreffen wird. "Besserwisserei von der Tribüne werden Sie von mir aber nicht erleben." Das Prinzip der gesunden Distanz nimmt Müller also auf jeden Fall mit in den Trainerruhestand.