Wer den Volleyballern vom Burger VC 99 vor dem Sonntag drei Punkte zum Auftakt versprochen hat, wurde womöglich nur müde belächelt. Der 3:1 (19, -18, 22, 23)-Überraschungserfolg gegen Fortuna Ballenstedt hat jedoch gezeigt: Mit Leidenschaft, Selbstvertrauen und einem klaren Ziel vor Augen ist auch in dieser schwierigen sechsten Burger Landesoberliga-Saison vieles möglich.

Burg l Man könnte Kevin Jasper beneiden. Oder den Burger VC 99 bemitleiden. Oder beides. Jasper, der ab sofort seinen Dienst auf dem Kreuzfahrtschiff Aida antritt, folgt einem Job-Angebot, nach dem sich ein Durchschnittsmensch sehnen darf. Und der Mittelblocker wird seinem Team auf unbestimmte Zeit fehlen. Wie sehr, davon gab der Sonntag eine kleinen Vorgeschmack, als die Burger dem Favoriten aus Ballenstedt vor allem am Netz oftmals die entscheidenden Zentimeter voraus waren.

Die Personalie hat aber weitere unmittelbare Folgen: In den kommenden Spielen wird Dennis Raab Jaspers Platz einnehmen und gemeinsam mit Sebastian Behr den BVC-Mittelblock stellen. Das Problem dabei ist eigentlich ein Glücksfall, denn Raab hat sich am Sonntag auf der Zuspielerposition als ein Joker erwiesen, der sticht. "Ein paar Ecken und Kanten waren dabei, aber er war die passende Ergänzung zu Dirk", schätzte Trainerin Jessyka Postolla ein. Gemeint war Dirk Hagendorf, dem eigentlichen Zuspieler, der im zweiten Satz ein Wellental durchschreiten musste, bis die Ablösung kam. Wurde eigentlich schon erwähnt, dass Raab mit dem einsetzenden Herbst häufiger nicht zur Verfügung steht, da den Lehrwart des Landesverbandes VVSA und Auswahltrainer männlich andere Verpflichtungen drücken?

Nicht sorgen, sondern einfach genießen.

Man könnte sich also um die künftige Personalsituation den Kopf zerbrechen. Oder man tut es Spielern, Trainerin und auch den Fans des BVC 99 gleich und genießt den Glücksmoment, den ihnen der optimale Saisonauftakt beschert hat. Während zeitgleich die Nationalmannschaft fast unbeachtet der öffentlichen Aufmerksamkeit mit Platz drei für die erste deutsche WM-Medaille seit 44 Jahren sorgte, löste das Team um Kapitän Sören Lambrecht mit seinem unerwarteten Außenseitererfolg Glücksgefühle unter den Zuschauern in der rappelvollen Sporthalle Burg-Süd aus. Der Geräuschpegel in der BVC-Heimstätte ließ zum Saisonauftakt ohnehin vermuten, dass sich die Sommerpause im voleyballbegeisterten Burg endlos hingezogen hatte.

Stichwort Nationalmannschaft: Diese hatte die Zeit vor und vor allem während der Weltmeisterschaft in Polen unter das Motto "Projekt Yolo" gestellt. "Yolo" entspricht der Abkürzung des englischen "you only live once" (Du lebst nur einmal) und umschreibt im allerbesten Jugendsprech eine Sichtweise aufs Leben, nach der es auch etwas zu riskieren gilt, ohne sich vorab über die Konsequenzen zu scheren. Im etwas kleineren Maßstab könnte dies durchaus auch ein Leitsatz für den BVC 99 in der gestarteten Landesoberliga-Saison sein. Auch wenn die Erwartungen der Kreisstädter bewusst niedrig gehalten werden, hatte Postolla ähnlich wie ihr prominenter Kollege Vital Heynen in den vergangenen Wochen einen positiven Schub verspürt: "Anders als in den Jahren zuvor verlief die Saisonvorbereitung diesmal ausgesprochen gut. Das bezieht sich nicht nur auf die Leistungen. Vor allem mit Blick auf den Mannschaftsgeist sind wir gestärkt aus dem Sommer hervorgegangen. Umso wichtiger war dieser Sieg, denn er hat uns gleich zum Auftakt gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind."

Bestens eingewöhnt hat sich offenbar auch schon Ralf Sieber. Hatte der Burger Neuzugang gegen Ballenstedt während der ersten drei Sätze noch Vorlieb mit der Bank nehmen müssen, zahlte sich seine Hereinnahme in der entscheidenden Phase im vierten Durchgang aus. Freilich nicht mit der Dynamik des etatmäßigen Außenangreifers Alexander Behr gesegnet, stabilisierte "unser Fischkopp" (Postolla) merklich die Annahme und leistete mit sprichwörtlich norddeutscher Gelassenheit einen Beitrag dazu, dass sein Team die Wende, den Satzgewinn und die große Überraschung schaffte.

Gegner schwächelt, BVC vertraut in seine Stärken.

Die Burger mögen auch davon profitiert haben, dass beim Landesmeister in den Worten von Coach Steffen Böse "noch einiger Sand vom Beachtraining im Getriebe steckte". Zudem blieb angesichts des Mini-Kaders der Fortunen kaum Spielraum für Rotation oder Impulse von der Bank. Doch trotz der ungleichen Vorzeichen blieb der Überraschungssieg in erster Linie ein Verdienst des Burger Spiels. Dessen Stärken - hoher Angriffsdruck über die Außen, starke Blockarbeit und eine gute Feldabwehr - kamen gepaart mit der richtigen Einstellung optimal zum Tragen. Dass Trainerin Postolla dennoch "ein Wechselbad der Gefühle" durchlebte, lag weniger an der BVC-Mängelliste als an den Erfahrungen der Vergangenheit. Der Tiebreak gehörte in den Spielen gegen die Ostharzer meist genauso dazu wie das sichere Scheitern im selbigen durch die Burger.

Diese haben nun also überraschend den Spieß umgedreht und einen glänzenden Saisonstart hingelegt. Und wer weiß, wie es weitergeht?! Vor dem Start von "Projekt Yolo" hatte mit Ausnahme von Vital Heynen und seinem Team schließlich auch niemand beim Deutschen Volleyballverband das Wort "Medaillenplatz" ausgesprochen.