Wenn morgen die Landesliga-Fußballerinnen der SpG Gerwisch/Lindenweiler im Landespokal-Halbfinale Eintracht Bad Dürrenberg empfangen, ruhen die Hoffnungen der Fans vor allem auf einer Frau und ihrer Torgefahr: Kathleen Stier. Mit 41 Jahren zählt die Stürmerin noch längst nicht zum "alten Eisen" und beweist dies durch Tore am Fließband.

Gerwisch/Irxleben. Sich dem Phänomen Kathleen Stier zu nähern, geht am einfachsten über die Statistiken. Insgesamt erzielte sie in 146 Ligaspielen für die SpG bisher 120 Tore. Eine Quote, die selbst einem Gerd Müller, immerhin Deutscher Rekordtorjäger, zur Ehre gereicht. Doch gelang ihr dieses Kunststück in einem Alter, in dem "der Bomber" längst in der amerikanischen Operetten-Liga bei den Fort Lauderdale Strikers seinen Karriere-Spätherbst genoss und allenfalls unregelmäßig unter der Sonne Floridas gegen den Ball trat. Stier dagegen erlebt mit ihren 41 Jahren in der Landesliga Nord der Frauen gerade ihren zweiten Frühling.

"Einzelkämpferin? Diese Rolle liegt mir nicht"

"Diese Quote von fast einem Tor pro Spiel hatte ich auch früher schon", sagt Stier und ihr ist die Verlegenheit buchstäblich anzusehen, als sie hinzufügt: "Im Moment findet sich noch niemand bei uns in der Mannschaft, der diese Rolle später einmal ausfüllen könnte." Die lauten Töne liegen der Lehrerin, die in Dahlenwarsleben auch eine Schul-Fußball-AG für F-Juniorinnen leitet, nicht. "Wäre ich nicht zum Fußball gekommen, würde ich jetzt Halbmarathons laufen. Aber Fußball ist nun mal ein Mannschaftssport und im Team fühle ich mich wohler. Die Rolle der Einzelkämpferin – die liegt mir nicht."

Kathleen Stier und der Fußball – ein Paar, das erst verhältnismäßig spät zueinander fand. Das erste Mal gegen den Ball trat sie mit 25 Jahren bei einem Probetraining des SV Fortuna Magdeburg im Jahre 1994. Beim Club aus Eichenweiler hinterließ sie offenbar einen mehr als guten Eindruck. Auf Anhieb erarbeitete sie sich einen Platz im Regionalliga-Team, aus dem später der Magdeburger FFC (heute 2. Bundesliga) hervorging.

Nach einem kurzen Gastspiel beim SV Irxleben führte Stiers Weg 2003 zur SG Handwerk Magdeburg. Dort, in der "Geburtsstätte" des Magdeburger Frauenfußballs, liefen unter dem ehemaligen SGH-Präsidenten und heutigen Lebensgefährten von Stier, Gerald Bleidorn, derweil die Planungen, mit einem Frauen-Team wieder am Spielbetrieb teilzunehmen. Angeführt von der Torjägerin etablierte sich das Team in der Landesliga.

Im Jahre 2007 fand das Projekt aber im Streit mit dem Verein sein jähes Ende. Bleidorn, Trainer Joachim Stier, Co-Trainer Achim Borutzki und nahezu die gesamte Mannschaft wagten beim SV Lindenweiler unter Mithilfe des Ex-FCM-Präsidenten Eckhard Meyer den Neuanfang. "Über Uwe Tangermann von der SG Gerwisch kam es auf unkomplizierte Weise zu der Kooperation beider Vereine. Innerhalb weniger Wochen konnten wir – nun mit einer Heimstätte – am Spielbetrieb teilnehmen", erinnert sich Bleidorn.

"Die Verbandsliga ist ein Thema in der Mannschaft"

Vier Jahre später klopft die Mannschaft an die Tür zur Verbandsliga. Auf Platz zwei liegend, stehen die Chancen auf den Aufstieg alles andere als schlecht. "Natürlich ist das in der Mannschaft ein Thema. Auch wenn natürlich klar ist, dass wir in der Verbandsliga den Platz nicht mehr so oft als Sieger verlassen", sagt Stier mit einem Lächeln.

Ob sie bei einem möglichen Verbandsliga-Intermezzo der SpG noch mit von der Partie ist, will die Stürmerin nicht definitiv sagen, wenngleich sie klarstellt: "Ich mache mir absolut keine Gedanken über das Aufhören. Solange ich meiner Gegenspielerin noch entwischen kann, spiele ich auch noch. Ich habe mir auch nie ein Ziel gesteckt, in diesem oder jenen Alter aufzuhören."

Wenn es um Ziele geht, kommt natürlich auch ein Thema zur Sprache: der Landespokal. Das Erreichen des Halbfinals mit dem morgigen Match gegen den Süd-Landesligisten Eintracht Bad Dürrenberg ist der größte Meilenstein in der bisherigen Vereinshistorie. Sollte diese Aufgabe bewältigt werden, wartet mit dem Duell gegen den Regionalligisten Hallescher FC das Traumfinale. Klar, dass man bei der SpG um die Bedeutung dieser Chance weiß und im Vorfeld des Halbfinals ordentlich die Werbetrommel rührte. Die Möglichkeit, im Jahr der Frauenfußball-WM in Deutschland auch im Jerichower Land eine kleine Erfolgsgeschichte zu schreiben, ist realisierbar. Optimistisch blickt Stier voraus: "In den wichtigen Spielen treten wir immer als geschlossene Truppe auf. Mein Tipp: Wir gewinnen nach Verlängerung 2:1." Dass sie morgen auch das "goldene Tor" erzielt, scheint nicht unwahrscheinlich.

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