Wenn Handballer Robert Klewe in seinen Trainingsanzug schlüpft, zu seiner Tasche greift und aus der Tür tritt, ist er eigentlich schon angekommen. Keine 100 Meter von seiner Wohnung entfernt steht die Sporthalle des Güsener HC, jener Verein, in dem der 26-Jährige seit seiner Jugend zu Hause ist. " Der GHC hat mir viel gegeben, er gehört zu meinem Leben ", sagt der Oberligaspieler im Interview mit Sportredakteur Oliver Kramer.

Volksstimme : Herr Klewe, beim letzten Heimsieg des GHC gegen den SV Langenweddingen waren sie wieder voll in Ihrem Element : Sie haben am Kreis gerackert, hinten ordentlich zugepackt und zwischendurch Mitspieler und Fans förmlich mitgerissen. Ist das Ihre Art, Handball zu spielen ?

Robert Klewe : Im Spiel bin eigentlich immer überall da, wo es brennt. Das kann am Kreis, in der Mitte oder sonstwo sein. Mir geht es darum, meine Mitspieler zu motivieren und ihnen Selbstvertrauen zu geben. Meine Gesten in Richtung Publikum sind eher ein Zeichen meines Dankes. Man darf nicht vergessen, da sitzen viele Leute, die mir und dem Verein in den letzten Jahren viel gegeben haben, seien es Sponsoren, ehemalige Spieler, Trainer oder meine Familie. Ich will einfach etwas zurückgeben.

Volksstimme : Viel geben konnten Sie und Ihr Team dem Güsener Anhang in dieser Saison noch nicht. Wie sind Sie mit dem Saisonstart von zwölf Niederlagen in Folge umgegangen ?

Klewe : Die 0 : 24-Punkte haben schon gefrustet. Man hadert mit sich selbst und denkt darüber nach, was man in der einen oder anderen Situation falsch gemacht hat. Wir mussten lernen, die Situation als Herausforderung zu sehen und als Team noch enger zusammen zu stehen. Dazu gehört eben auch, die Fehler offen anzusprechen und zu diskutieren.

Volksstimme : Offenbar mit Erfolg : Seit Wochen zeigt die Formkurve des GHC nach oben. Die Abstiegsränge wurden verlassen. Was ist passiert ?

Klewe : Vielleicht hat uns der Sieg in Seehausen Selbstvertrauen gegeben. Das war nicht selbstverständlich, dort zu punkten. Außerdem hat die Mannschaft das System des Trainers nun besser verinnerlicht. Wir stehen jetzt in der Abwehr besser und sind da flexibler geworden. Auch im Angriff spielen wir nun variabler.

Volksstimme : Dennoch stieß die taktische Marschroute des neuen Trainers nicht bei allen im Verein auf Zustimmung. Wie haben sie vor Saisonbeginn den Wechsel von Eric Steinbrecher zu Peter Arndt wahrgenommen ?

Klewe ( überlegt lange ) : Im ersten Moment dachte ich : Oh Gott, dreimal die Woche trainieren, dann noch meine Schichtarbeit im Krankenhaus, das wird zu viel. Andererseits hatte Peter Arndt von Beginn an klare Vorstellungen. Er will auf Erfolg spielen und nicht im Mittelmaß herumdümpeln. Das hat den meisten von uns gefallen. Auch das Training macht großen Spaß. Co-Trainer Hansi Kant hat uns als ehemaliger Radsportler athletisch viel Neues vermittelt. Das hat alles Hand und Fuß.

Volksstimme : Gleichwohl hat der GHC in der Oberliga den Ruf, mehr Handball zu kämpfen als zu spielen. Wie gehen Sie mit dieser Rolle um ?

Klewe : Das Ganze kann ich nicht mehr hören. Die Vereine, die diese Aussagen tätigen, sollten mal versuchen, sich in die Lage anderer zu versetzen. Sicher, wir spielen kampfbetont und teilen aus, wir müssen aber auch oft kräftig einstecken. Fakt ist, dass der Güsener HC ein kleiner Handballverein ist, der im Land noch nicht so einen Stand hat wie Langenweddingen, Staßfurt oder Schönebeck.

Volksstimme : Diese Vereine verfügen auch über mehr Nachwuchs. Beim GHC sieht es bis auf die jüngsten Handballer in dieser Frage derzeit mau aus. Wo sehen Sie den Verein in zwei, drei Jahren ?

Klewe : Natürlich wollen wir mit der ersten Männermannschaft in diesem Jahr die Oberliga halten. Mittelfristig hoffe ich, dass wir eine starke Verbandsliga-Truppe stellen. Entscheidend ist aber, dass wir mehr Jugendmannschaften gründen. Ich halte es für wichtig, Kinder in einem Verein zu integrieren. Vielleicht kann ich dazu später einmal meinen Beitrag leisten.

Volksstimme : Der heutige Männerkader des GHC besteht zum Großteil aus Eigengewächsen. Wie ist aus einem Jugendteam eine erfolgreiche Oberligamannschaft geworden ?

Klewe : Wir haben fast alle zeitgleich in Güsen mit dem Handballspielen angefangen. Ich war gerade mit meiner Familie aus Mecklenburg-Vorpommern hergezogen und machte in der D-Jugend unter Trainer Klaus Franke meine ersten Schritte. Am Anfang haben wir nur Klatschen bekommen, später ging es aufwärts. Thomas Berg und Mario Blücher haben uns dann 2000 zu den Männern geholt. Das war damals in der 1. Nordliga und später in der Verbandsliga mit gestandenen Leuten wie Michael Hoffmann eine tolle Mannschaft, die immer vorne mitgespielt hat ...

Volksstimme : ... bis sie 2008 in die Oberliga aufstieg. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht ?

Klewe : Ich dachte nur, sch ..., man muss auch mal verlieren können. Das zu lernen, war echt hart. In der Oberliga ist jedes Spiel ein Kampf, es herrscht ein höheres Niveau, die Spieler sind hier ganz anders ausgebildet worden und bringen eine große Erfahrung mit. Man lernt den Handball ganz anders kennen. Ich glaube aber, dass wir uns dabei weiterentwickelt haben. Wichtig ist, dass jeder einzelne Spieler auf und neben dem Feld Verantwortung übernimmt und für den Güsener HC eintritt. Wir sind nämlich nicht nur ein Handballverein, wir sind wie eine große Familie.