Als vor wenigen Tagen der international äußerst erfolgreiche Boxtrainer Ulli Wegner nach Stendal kam, ließ er es sich nicht nehmen, das Stadion am Hölzchen zu besuchen. Ihn interessierte die dortige Ausstellung zum Lok-Fußball sehr.

Stendal l Die ausgestellte Sammlung geht in erster Linie auf Dirk Schultz zurück, der die Schau inzwischen zu deutlich mehr als einem Kleinod perfektioniert hat. Vor wenigen Tagen lud er mit Kuno Lemme und Heinz Kegel zwei Männer zum Gespräch ein, die über Jahrzehnte hinweg in den Führungsebenen der damaligen Betriebssportgemeinschaft Lokomotive Stendal zu tun hatten. Die Volksstimme durfte dabei sein.

Dabei geht es in diesem Beitrag um die 80er, 70er und 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Teilweise wird auch auf die 50er geblickt. Lok Stendal spielte in diesen Jahrzehnten in der DDR-Oberliga (höchste Spielklasse), DDR-Liga und der Bezirksliga Magdeburg. Die ersten Jahre waren die erfolgreichsten.

"Ich war der Mann für das Wichtige."

Kuno Lemme war lange Jahre Hauptbuchhalter im RAW Stendal und von 1979 bis 1990 Vorsitzender der BSG Lok. Heinz Kegel arbeitete beim VEB Geologische Erkundung und war nicht nur eingefleischter Lok-Fan, sondern arbeitete ehrenamtlich in der Sektionsleitung Fußball der BSG mit. "Ich war der Mann für das Wichtige", sagt er pfiffig. Angesichts dessen, was er als Liste mit zum Gespräch brachte und dann berichtete, ist seine Aussage ganz dick zu unterstreichen.

Lok setzte, weniger als zum Beispiel heute, nicht so intensiv auf den eigenen Nachwuchs. Es wurden, meist auf Initiative des Fußball-Sektionsleiters Günter Lemme, Talente oder auch fertige Spieler aus der näheren Umgebung, aber auch aus hunderten Kilometern Entfernung geholt (siehe nebenstehende Übersicht). "Wir wollten die Oberligamannschaft halten, die Tradition bewahren, aber auch Spieler holen. Man musste dazu auch über die Kreisgrenzen gehen", so Kegel.

Ernst Lindner zum Beispiel kam aus Goldbeck, Gerd Backhaus aus Bismark, Peter Güssau aus Genthin. Das waren nicht die großen Entfernungen.

Doch es waren auch ausgesprochen lange Fahrten dabei, zum Beispiel nach Karl-Marx-Stadt oder auch ins thüringische Steinach. Heinz Kegel: "Das haben wir immer mit dem Privat-PKW gemacht. Ein wichtiges Prinzip war, dass wir immer nur direkt mit dem infrage kommenden Spieler oder Trainer gesprochen haben. Wären wir über die Sportgemeinschaften gegangen, wären wir natürlich abgeblitzt. Es gab keinen, der es leiden konnte, wenn wir woanders geködert haben, besonders der Club in Magdeburg."

Lok-Torjäger Backhaus war sehr gefragt

Auf der anderen Seite waren natürlich andere Oberliga- oder Ligavereine an Lok Stendal dran. Der zweifache Oberliga-Torschützenkönig Gerd Backhaus zum Beispiel war sehr gefragt. "Wir hatten etliche RAW-Angehörige, die in Bismark wohnten. Denen haben wir gesagt, dass sie uns Bescheid geben sollten, wenn ein Auto mit fremder Nummer in der Nähe der Backhaus-Wohnung zu sehen war. Das haben sie getan," wusste Kuno Lemme zu berichten. So wurde zum Beispiel ein Abwerbeversuch von Empor Rostock vereitelt.

Stendal muss ein beliebtes Pflaster für DDR-Fußballspieler gewesen sein. Nicht wenige der im rechten Kasten aufgeführten früheren Zugänge leben heute noch hier. Kuno Lemme: "Finanziell war alles solide untersetzt. Wir hatten im RAW eine eigene Kostenstelle unter der Rubrik Kultur und Soziales. Es gab keine Probleme, was zum Beispiel die sportliche Ausstattung der Mannschaft anging."

Auch in den obersten Etagen des DDR-Fußballs wurden die Kicker nicht nur sportlich gefordert, sondern auch richtig gehätschelt oder geschützt. Der damals zunächst 2. Sekretär der SED-Kreisleitung, Erich Lehnert, hatte eigentlich den Auftrag, zwei Lok-Spieler zum Club nach Magdeburg zu bringen. Ein Gespräch unter Männern bei einem Glas Bier bewirkte schließlich, dass der Auftrag nicht erfüllt wurde.

Es gab auch Privilegien für die Lok-Spieler

Seine schützende Hand über den Lok-Fußball hielt zum Beispiel auch Oberst Henze vom hiesigen Wehrkreiskommando.

Die Unterstützung der Fußballer vom Hölzchen durch Betriebe und Institutionen in der Stadt sorgte allerdings auch für so manche Privilegien (Stichwörter: Fleischpakete , Wohnungen). "Es war einerseits schön, die BSG zu leiten, wir hatten ein richtig gutes Klima bei uns. Andererseits konnten wir Wünsche anderer Sektionen nicht ausreichend befriedigen", resümiert Kuno Lemme seine lange Leitungstätigkeit.

Ein Erlebnis als Zuschauer hat ihn, nebenbei erwähnt, ganz besonders erfreut. Als Lok am 29. September 1956 Babelsberg empfing, war noch die 0:6-Heimpleite gegen diesen Gegner vom Vorjahr in den Köpfen. Die Gäste gingen wieder 1:0 in Front, wurden dann jedoch von einer entfesselt stürmenden Lok-Mannschaft mit 7:2 vom Spielfeld gefegt.

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