In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat es schon viele Änderungen hinsichtlich des Regelwerkes im Fußball gegeben. Aber weder das Golden- noch das Silvergoal konnten sich am Ende durchsetzen. Ebenfalls noch nicht so lange dabei sind die Torrichter oder die vierten Offiziellen an der Seitenlinie.

Salzwedel l Nun gibt es seit nicht allzu langer Zeit wieder einige Neuerungen für die Unparteiischen. Während das sogenannte Freistoßspray bereits eingeführt wurde, beschloss die DFL nun auch die Einführung der Torlinientechnik, die bereits in anderen Top-Ligen und auch bei der vergangenen Weltmeisterschaft in Brasilien erfolgreich eingesetzt wird und wurde. Eine erste Abstimmung aller Bundesligavereine vor längerer Zeit scheiterte jedoch im ersten Anlauf.

Wir von der Volksstimme-Sportredaktion wollten allerdings wissen, was die Schiedsrichter unserer Region von diesen Neuerungen halten, welche Erfahrungen sie mit kniffligen Torentscheidung bereits in ihrer Laufbahn gemacht haben und ob das Freistoßspray ein sinnvolles Hilfsmittel ist oder auch nicht.

Ulrich Koniecny: "Die Torlinientechnik ist eine gute Sache. Es gab in letzter Zeit auch sehr viel Diskussionen, was Tore betrifft. Ein Tor, welches eines ist, sollte auch gegeben werden. Manchmal sind es eben Millimeter- oder Zentimeterentscheidungen, das kann man ja als Schiedsrichter gar nicht genau sehen. Als Beispiel nenne ich mal das legendere Wembley-Tor. Mit der heutigen Technik wäre das gar kein Problem, obwohl das hätte man auch so sehen können, dass der Ball nicht drin gewesen ist. Ich selbst war auch schon mal in so einer Situation. Ich hatte im Vorfeld bei der Spielfeld- und Torkontrolle nicht mitbekommen, dass ein Tornetz kaputt war. Der Ball war drin und kullerte aber am langen Pfosten wieder aus dem Netz. Ich konnte das nicht genau erkennen und habe Abstoß gegeben. Aber ein Spieler war sehr fair und hat gesagt, dass der drin war.

Auch gegen das Freistoßspray habe ich nichts, das nimmt nicht viel Zeit in Anspruch und es gibt keine Diskussionen mehr. Gerade wenn ich als Schiri allein bin, würde das helfen. Und das gute ist, die Markierungen sind ja auch nach kurzer Zeit wieder verschwunden und stören nicht."

Guido Eisenschmidt: "Ich war schon immer für die Torlinientechnik, hätte mir aber schon gewünscht, dass sich die Bundesliga für das deutsche Modell entschieden hätte. Es geht gerade im Weltfußball um so viel Millionen an Geldern, da muss ein Tor auch ein Tor sein und keines eben auch keines. Das entlastet auch die Schiedsrichter ungemein. Ich selbst hatte auch schon einmal so einen Fall in der Kreisklasse bei Lok Salzwedel erlebt. Der Ball prallte von der Lattenunterkante ins Tor und sprang wieder raus. Ich habe das Tor gegeben, obwohl der Keeper fest behauptet hatte, der Ball sei nicht hinter der Linie gewesen. Dennoch kann man es nie mehr beweisen.

Das Freistoßspray halte ich dagegen für überflüssig. Ich als Schiedsrichter muss ich schon selbst in der Lage sein, mir so viel Respekt zu verschaffen, dass die Mauer dort stehen bleibt, wo ich sie auch hingestellt habe. Sicherlich fangen die Spieler sofort an nach vorn zu tippeln, wenn der Schiedsrichter sich umdreht, aber das ist normal."

Michael Damke: "Mit Blick auf die Bundesliga und internationale Wettbewerbe find ich es richtig und auch wichtig, dass es so kommt mir der Torlinientechnik. Dem Schiedsrichter wird eine immense Drucksituation damit abgenommen. Ein Tor kann über so viel entscheiden. Wenn es die Torlinientechnik schon vor einem Jahr gegeben hätte, dann hätte Kießlings Treffer nicht gezählt und Leverkusen keine Champions-League gespielt, sondern der VfL Wolfsburg. Schon daran sieht man, wie wichtig das ist. Überflüssig finde ich dagegen die Torrichter. Die stehen immer rechts vom Tor. Was ist aber, wenn ein Schuss von links kommt und der Torwart den Ball unter sich begräbt? Wer will das entscheiden?

"Freistoßspray verhindert auch Gelbe Karten"

Auch das Freistoßspray ist eine sinnvolle Sache. Jeder weiß, woran er ist und wo er zu stehen hat und wo der Ball zu liegen hat. Außerdem werden unnötige Gelbe Karten verhindert, die meist durchs vortippeln oder Ballvorlegen gegeben werden. Ich könnte mir das auch gut in den unteren Amateurligen bis hin zum Kreisspielbetrieb vorstellen, wenn es denn bezahlbar wäre.

Thomas Kölle: "Für die Bundesliga und auch den internationalen Bereich finde ich die Torlinientechnik sehr gut. Es gab schon so viele Situationen, auch bei Welt- und Europameisterschaften, die eindeutig waren. Ich erinnere nur an die WM 2010 bei dem Match Deutschland gegen England. Der Schuss von Lampard war fast einen Meter hinter der Linie und es gab kein Tor. Außerdem entlastet die Technik die Arbeit des Schiedsrichters. Das Spiel ist so schnell geworden, da ist zumindest solch eine Hilfe sehr sinnvoll. Ich war auch schon mehrfach in solchen Situationen. Es gibt immer auch bei uns im Kreis knifflige Torsituationen. Alle rufen Tor, aber wenn ich es nicht ganz genau gesehen habe, entscheide ich nicht auf Tor. Ich als Schiedsrichter mache das nur, wenn ich mir absolut sicher bin, dass der Ball drin war.

Das Freistoßspray macht in meinen Augen dagegen keinen Sinn. Für mich ist das ganz klar eine Untergrabung des Respekts gegenüber dem Schiedsrichter. Wir werden ja auch geschult, uns immer rückwärts vom Ball weg zu bewegen, wenn der Freistoßpunkt gewählt wurde. So kann der Schütze den Ball auch nicht weiter nach vorn packen. Die Mauer selbst stelle ich meist ein wenig weiter nach hinten, da die Spieler automatisch nach vorn gehen. Ich bräuchte das Spray nicht."

Dirk Reichelt: "Generell macht die Einführung der Torlinientechnik das Leben eines Schiedsrichters leichter. Die ewigen Diskussionen und Streitigkeiten fallen weg und der Schiedsrichter wird zudem noch geschützt. Ich bin im Kreis oft allein unterwegs, ich will daher auch nicht ausschließen, dass auch ich schon einmal falsch gelegen haben bei meiner Torentscheidung. Für mich ist es eben ein Tor, wenn ich es auch genau so feststellen kann. Auf Verdacht gebe ich keinen Treffer. Das Freistoßspray hat sich international und nun auch in der Bundesliga bereits bewährt. Auch hier gibt es weniger Diskussionen. Und auch der Spielfluss wird meiner Meinung nach nicht gestört, ganz im Gegenteil, er wird beschleunigt. Für den Schiedsrichter heißt das einfach: Mauer stellen, Linie sprayen, fertig. Ganz einfach".

André Liesche: "Naja, ich lehne die Torlinientechnik eher ab. Was ist das für ein Spiel, wenn es nicht mehr auf Tatsachenentscheidungen beruht? Dann ist es für mich kein Spiel mehr. Wir als Schiedsrichter sind alle nur Menschen, die Fehler machen und sicher auch Fehlentscheidungen treffen. Außerdem je mehr Technik vorhanden ist, desto mehr ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Heutzutage ist so viel möglich. Und ich weiß im Endeffekt nicht, wer da am Rechner sitzt und das entscheidet. Selbst heute hatte ich so eine Aktion im Spiel VfB Klötze gegen Gardelegen (Landesliga, B-Junioren, Anm. der Red.). War der Ball drin, oder nicht? Für mich war es kein Tor, also habe ich so entschieden. Man nimmt dem Schiedsrichter damit auch ein wichtiges Instrument der Entscheidung.

Das Freistoßspray befürworte ich dagegen ganz klar. Es erleichtert die Arbeit unheimlich und man hat eine gute Kontrollmöglichkeit. Wenn die Linie einmal aufgesprüht ist, kann ich eben genau nachvollziehen, wo die Mauer stand und wo der Ball lag. Das könnte ich mir auch gut bei uns auf Kreisebene vorstellen. Das ist eine gute Sache".

   

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