Magdeburg. " Nicht mehr zu rechtfertigen ", nennen die Grünen die Aufrechterhaltung des 1914 verliehenen Ehrenbürgerrechtes an den damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Auf einstimmigen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung wurde Hindenburg die Würde unter anderem deshalb verliehen, weil er vor seinem Aufstieg zum Staatschef von 1903 bis 1911 als General das IV. Armeekorps in Magdeburg kommandierte. " Selbst wenn man seine Dienste als Militärstratege schätzt, hat er sich in der Folge am deutschen Volk in vielfacher Hinsicht schuldig gemacht, indem er den Weg in die Hitlerdiktatur mit geebnet hat ", begründen die Grünen ihre Forderung nach Aberkennung. Neue Forschungen hätten erwiesen, dass Hindenburg " keineswegs unter Druck gehandelt " habe, als er Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannte, sondern dies " aus voller Überzeugung " getan habe.

Der Stadtrat verwies den Antrag im Vorjahr zur Debatte in die Ausschüsse. Auch dort hagelte es bislang eine Vertagung nach der anderen. Das Stadtarchiv erhielt zunächst den Auftrag zur eingehenden Komplettprüfung der Ehrenbürgerliste nach möglichem neuen Streichungsbedarf. Im Ergebnis hat das Kulturdezernat jetzt eine 55 Namen lange Liste aus alten und neuen Ehrenbürgern vorgelegt. Neun von ihnen wurden anno 1946 und 1990 bereits mit dem Stempel " aberkannt " versehen. Das betrifft alle sieben zu Zeiten des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 sowie zwei der fünf zu DDR-Zeiten ernannten Ehrenbürger.

" Eingriff in die Erinnerungsgeschichte "

Eine Streichung weiterer einzelner Ehrenbürgerschaften – also auch der für von Hindenburg – wird von der Stadtverwaltung ausdrücklich abgelehnt. " Anderenfalls würden immer wieder vorgenommene Neubewertungen des Wirkens historischer Persönlichkeiten einen potenziellen Eingriff in die Erinnerungsgeschichte der Stadt nach sich ziehen ", heißt es in eine rentsprechenden Ratsinformation, die in dieser Woche die Magistratsrunde beim Oberbürgermeister passierte.

Die Ehrenbürgerliste bringe zum Ausdruck, wen die Stadt zu einem bestimmten Zeitpunkt für ehrungswürdig hielt. Es sei davon auszugehen, dass die ernannten Personen mit den jeweiligen politischen Systemen ihrer Zeit verwoben waren. Entsprechend seien auch die Auszeichnungen des Arbeiterdichters und Kommunisten Erich Weinert, des sowjetischen Offiziers Igor Belikow ( fing in der Ernst-Reuter-Allee ein 4-jähriges Mädchen nach einem Fenstersturz auf ) und der amerikanischen Kommunistin und Bürgerrechtlerin Angela Davis politisch-ideologisch motiviert, ohne dass allerdings " ihren allgemein geachteten Trägern ein persönlich unwürdiges Verhalten vorgeworfen werden könnte ".

Um die einzige Magdeburger Ehrenbürgerin Angela Davis, inzwischen Professorin und bis heute im Kampf um Bürgerrechte und soziale Gerechtigkeit aktiv, gab es in den Vorjahren nichtsdestotrotz heftige Debatten. Zwar fanden Aberkennungsanträge für ihre Ehrenbürgerwürde keine Mehrheit ; Einladungen zu hohen städtischen Festen – wie sie allen Ehrenbürgern laut Satzung zustehen – wurden allerdings mangels Kontakt auch nicht ausgesprochen.

Neben Davis, Belikow und Alt-OB Willi Polte zählt die Stadt seit dem Vorjahresende noch einen vierten lebenden Ehrenbürger : den in Magdeburg geborenen und heute in New York lebenden Klaviervirtuosen Menahem Pressler. Teile der jüdischen Familie Pressler fanden zu NS-Zeiten von Magdeburg aus in Konzentrationslagern den Tod. Jüngst wurden Stolpersteine im Gedenken an die toten Presslers verlegt. Menahem Pressler kam mit dem Leben davon und steht heute für Versöhnung.

Und Hindenburg ? Im Juni 2009 hat der Landtag bei der Neufassung der Gemeindeordnung beschlossen, dass Ehrenbürgerrechte in Sachsen-Anhalt generell mit dem Tod des Geehrten erlöschen. Auch deshalb erachtet die Stadtverwaltung die Streichung Hindenburgs von der Liste der historischen Ehrenbürger als überflüssig. Es darf bezweifelt werden, dass die Grünen dieser Auffassung folgen. " Aus heutiger Sicht kann seine Rolle bei der Machtergreifung Hitlers nicht ausgeblendet werden ", begründen sie ihre Forderung nach offizieller Aberkennung der Hindenburg-Ehrenbürgerwürde. In den kommenden Wochen werden der Kommunal- und der Kulturausschuss das Thema erneut diskutieren, bevor der Stadtrat am 25. März das letzte Wort hat.