In der Nacht zum Sonntag wurde die alte Eisenbahnbrücke über der Ernst-Reuter-Allee ( Gleis 13 ) aus ihrer Verankerung gehoben. Sie war 1947 als Behelfsbrücke gebaut worden, wiegt rund 82 Tonnen und ist über 23 Meter lang. Ein " logistisches Schauspiel " hatte die Bahn angekündigt. Dafür wurde zwischen 18 Uhr am Sonnabend und Sonntag 8 Uhr die Reuterallee gesperrt.

Altstadt. Mitternacht in Magdeburg. Grelle Lichterbögen zerschneiden die Dunkelheit. Tausende kleine Lichter wie Sterne. Es riecht wie Silvester, wenn gerade die Raketen in den Himmel gestartet sind. Später kommt dampfiger Geruch von heißem Metall dazu, nimmt ein wenig den Atem. Doch die Zuschauer sind weit genug weg vom eigentlichen Ort des Geschehens. Rot-weiße Baken, ein Bauzaun und das Schild " Achtung. Abbrucharbeiten. Lebensgefahr " trennen sie von der alten Eisenbahnbrücke, auf der in dieser Nacht links und rechts über der Straße geschweißt wird.

Die alte Konstruktion hat ausgedient, soll aus der Verankerung gehoben werden. Mit ausgeschwenktem Arm wartet ein leistungsstarker Kran, kraftvoll wirkend in Größe und leuchtendem Weiß, auf der rechten Seite der Brücke – vom Damaschkaplatz aus gesehen. Dort sammeln sich einige Schaulustige, trotzen den frostigen Temperaturen ( minus 9 Grad ). Es ist die beste Aussicht auf das nächtliche Spektakel. Einige Beobachter sind gut ausgerüstet, haben Kaffee in Thermoskannen dabei oder Hochprozentigeres. Die Vorarbeiten dauern. Nach und nach trägt der riesige Kran kleinere Teile von der Brücke. Es sieht aus, als würde Goliath Nadeln tragen. Dann werden die Teile größer – Stahlträger, Gitter, Geländer.

Gegen 1. 30 Uhr durchschneiden metallene Geräusche die Nacht. So stellt man es sich vor, wenn man an die sinkende Titanic denkt – ein Knallen als würden ( bei Überdruck ) Metallbolzen aus der Wand gesprengt. Doch noch ist nichts zu sehen.

Es klemmt, per Hand wird nachgearbeitet

Um 1. 44 Uhr dann der erste Versuch. Die Männer verlassen die Brücke. An zwei Stellen sind um das Stahlteil dicke Metallketten geschlungen, am Kranhaken verbinden sie sich. Der Kran zuckt, es knallt gewaltig, vom Brückenrand fallen Steine und Betonteile zur Erde und links hebt sich die Brücke. Rechts bleibt sie hängen. Zwei Minuten später ein neuer Versuch, vergebens.

Schließlich werden die Ketten weiter nach rechts ausgerichtet, per Hand. Währenddessen wird am klemmenden Brückenteil " nachgeschlagen ", auf dass es sich lockert.

Um 1. 53 Uhr ist es dann soweit : Die alte Brücke hebt sich, schwebt als wolle sie Abschied nehmen über die Reuterallee – während die Zuschauer schnell die Straßenseite wechseln. " Wenn das jetzt reißt ", sagt jemand. Doch es reißt nichts. Die Bauleute führen mit Trossen das 23, 40 Meter lange Stahlteil zur Seite, legen es dort ab.

Um 2 Uhr geht das Licht aus. Die Zuschauer machen sich auf den Heimweg. " Haben wir das also auch mal gesehen ", sagt eine Frau und hakt sich lächelnd bei ihrem Begleiter ein. Innerhalb weniger Minuten ist der Platz leer. Unbeobachtet von Zuschauern machen sich die Arbeiter an den zweiten Teil der Stahlkonstruktion. Bis 3 Uhr ist es geschafft : Die Eisenbahnbrücke gibt es nicht mehr.

Am Sonntagmorgen ist nichts mehr vom nächtlichen Treiben zu sehen. Nur wer genau nach oben schaut, sieht leere Ablagestellen, wo bis gestern die Brücke war …