So muss Handball sein: Spannend, packend, auf gutem Niveau und mit einer Halle, die hinter ihrer Mannschaft steht. Vor einer beeindruckenden Kulisse gewannen die Frauen der TSG Calbe in der Sachsen-Anhalt-Liga mit 27:26 (15:12) gegen den favorisierten SV Oebisfelde. Und nicht nur das, die Gastgeberinnen waren über weite Strecken auf dem Parkett tonangebend.

Calbe l Josephin Suchan lächelte schüchtern, als ihre Teamkameradinnen kurz nach dem Abpfiff auf sie zustürmten. So, als wollte sie sagen: "Ich hab doch nur meinen Job gemacht." Das hat die Torhüterin ohne Zweifel, aber nicht nur irgendwie, sondern überragend. Suchan war die Heldin des unerwarteten, aber hoch verdienten Punktgewinns gegen Oebisfelde. Sie war es, die in der Anfangsphase jegliche Anschlussmöglichkeiten des Gegners verhinderte und dafür sorgte, dass die Gäste aus der Börde 50 Minuten einem Rückstand hinterher liefen. Als diese dann zum 25:25 (57.) ausglichen, Calbe im Angriff nur den Pfosten traf und der Gegner die Führung witterte, parierte die Keeperin den entscheidenden Siebenmeter. Oebisfelde verzweifelte, Calbe nahm den Schwung mit und Stefanie Hüls bewies am Punkt Nerven.

Der Handballkrimi fand in diesen Schlussminuten seinen Höhepunkt, denn die Gäste konnten erneut ausgleichen und der TSG blieb kaum noch Zeit, den Sack zuzuschnüren. Die Fans hielt schon längst nichts mehr auf den Plätzen, die Sekunden liefen herunter, der Wurf kam und landete an der Querlatte. Eine Schocksekunde später brach der Jubel los. Sophia Rust hatte den Ball auf Rechtsaußen in die Hände bekommen, zog ihn an der Hüfte von SVO-Torhüterin Julia Hübe vorbei und landete damit in der Schlusssekunde den alles entscheidenden Treffer.

Nach der 23:36-Hinspielpleite hätte mit diesem Ausgang vermutlich keiner gerechnet - der Gegner gewiss am wenigsten, der in den 60 Minuten auf jede noch so kleine Chance lauerte und diese konsequent nutzte. Denn wenn der SVO mit seinen sprintstarken Außen ins Laufen kam, war er im Grunde kaum noch aufzuhalten. Auf Calbenser Seite war der Knackpunkt dagegen die Chancenverwertung, die am Ende fast den Sieg gekostet hätte. So fielen in den letzten zehn Minuten beider Halbzeiten kaum Tore, was dem Gegner den Anschluss erst ermöglichte.

In den Anfangsphasen sah das ganz anders aus. So überzeugten Kristin Sroka und Antje Schreiber mit einem konsequenten Doppelpassspiel und schlugen damit der agilen Abwehr der Gäste ein Schnippchen. Auf der rechten Seite nahmen Marie Zilke und Lisa-Marie Prokop den Kampf an, zogen durch die Abwehr und verwandelten ihre Chancen sicher.

Nach 23 Minuten führte die TSG mit 14:7. Oebisfelde hatte sich in der Zwischenzeit jedoch auf die Mannschaftstaktik der Saalestädterinnen eingestellt, spitzelte Bälle heraus und stand im Mittelblock noch kompakter.

Nachdem die Seiten gewechselt wurden, hielt sich Calbe mit einem disziplinierten Mannschaftsspiel sicher vorn, es gelang aber letztlich nicht, den Gegner zu demoralisieren. Im Gegenteil, der Schlagabtausch ging auf gutem Niveau weiter und Zeit zum Durchatmen hatte niemand. Als der Vorsprung schmolz, stellte TSG-Trainerin Annett Schroeter das Team neu ein, ließ die Uhr für Calbe mitspielen. Nervenstärke war nun gefragt, besonders als Oebisfelde dann doch zum Ausgleich kam.

Nach dem Abpfiff ließen die Spielerinnen ihre Heldin Josephin Suchan hochleben und die Fans jubelten von den vollen Rängen. Gerade während sich das Trainerteam Schroeter und Ralf Bertram mit einem zufriedenen Lächeln abklatschte, lief im Mannschaftssong von Helene Fischer ("Atemlos") die Zeile "alles ist perfekt" - mehr Worte brauchte es nicht.

Calbe: Suchan - Gröst (2), Hüls (7/5), Karlstedt, Meier, Prokop (3), L. Rust, S. Rust (3), Sroka (6), Wenzel, Zilke (2), Schreiber (4)

Oebisfelde: Hübe, Reinecke - Dietz (7/1), Franke (1), Linharth (1), Meyer (2), Stöter, Stottmeister (2), Thiele (6), Witzke (7/5)

Siebenmeter: Calbe 5/5 - Oebisfelde 7/6; Zeitstrafen: Calbe 3 - Oebisfelde 3