Atzendorf (sam). Der Garten ist noch eine Baustelle. Gegenwärtig ist Steffen Linsdorf mit dem Terrassenbau beschäftigt. Der Schutt türmt sich, neben der Hauswand liegen Pflastersteine und mittendrin steht der 29-Jährige, der, wie schon den Innenausbau seines Hauses, auch die Arbeiten im Außenbereich zum größten Teil selbst in die Hand nimmt. In den nächsten Wochen und Monaten soll sich die Baustelle in eine Ruheoase und einen Spielplatz für seine Kinder verwandeln. Linsdorf ist aktiv, er versprüht wieder Lebensfreude, die ihm aufgrund einer schweren Verletzung abhanden zu kommen drohte. Doch vor einer Woche kehrte der Angreifer der ZLG Atzendorf nach achtwöchiger Pause auf den Platz zurück und spielte mit einer Schutzmaske.

Den 19. März 2011 möchte Linsdorf am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen. Es ist der Tag, an dem sich sein Leben fast komplett veränderte. Eine Erkältung hatte ihn ans Bett gefesselt, so dass für ihn ein Einsatz beim SV Union Heyrothsberge eigentlich nicht in Frage kam. "Ich habe mich vorher abgemeldet." Auf Bitten von Bernhard Knoll aus dem Trainergespann mit Steffen Grohe, weil die personelle Situation vor der Partie erneut angespannt war, sowie auf Drängen seiner Frau Jessica fuhr er als Ersatzspieler mit.

Die erste Halbzeit verfolgte er also auf der Bank, zu Beginn der zweiten Hälfte wurde er für Marcel Sündermann eingewechselt. Die Atzendorfer waren um den Ausgleich bemüht, dann kam die 78. Minute, an die sich Linsdorf nur zu gut erinnert. Er prallte mit dem gegnerischen Keeper Tim Nagel zusammen. "Wir gingen beide mit dem Fuß zum Ball. Ich drehte mich in der Luft, fiel auf den Boden und er landete mit dem Ellenbogen auf mir."

Mit Verdacht auf Nasenbeinbruch ging es in die Notaufnahme des Krankenhauses. Die Computertomografie ergab: Der Oberkiefer in der Länge sowie die Nase gebrochen sowie Frakturen der unteren beiden Augenhöhlen. Die Operation dauerte mehr als vier Stunden.

Stunden in denen sich seine Frau und die Trainer viele Vorwürfe machten, ihn zum Einsatz überredet zu haben. Doch Linsdorf wiegelt ab: "Es war allein meine Entscheidung, mitzufahren." Im Krankenhaus hatte er viel Zeit um nachzudenken. "Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, mit dem Fußballspielen aufzuhören", sagt er mit ruhiger Stimme. Für seine Frau war dieser Gedanke nicht zu ertragen, denn "es geht bei ihm nicht ohne". Nachdem er wieder zuhause war, waren die ersten Wochen eine schwere Zeit für seine Frau. "Er war ziemlich ruhig und lustlos. Er saß nur auf der Couch." Doch es dauerte nicht lang, da verspürte ihr Mann wieder Lust am Fußballspielen. "Es fing dann wieder an zu kribbeln."

Linsdorf wurde durch seinen Cousin zum Fußball gebracht. Dieser nahm ihn eines Tages mit auf den Fußballplatz, Linsdorf war gerade einmal fünf Jahre alt, sein Trainer hieß Günter Döbbel. Der unterstützte ihn dann das ganze Leben. "Er ist wie ein Mentor für mich", sagt der 29-Jährige.

"Die Liebe seines Lebens" fand er nicht auf dem Bolzplatz, sondern im Internet. "Wir haben uns über eine Singlebörse kennengelernt", plaudert Jessica Linsdorf heraus. Gleich beim ersten Date trafen Amors Pfeile sofort ins Herz. "Wir haben uns auf Anhieb super verstanden", nicken beide zustimmend. Vielleicht lag es auch daran, dass sie am selben Tag und im selben Jahr geboren sind. Es passte einfach, so dass sich beide vor fast einem Jahr das "Ja-Wort" gaben. Jessica brachte Dominik (10 Jahre) und Aileen (6 Jahre) mit in die Ehe. Das Glück der beiden komplettierte Cheyenne Sophie, die vor knapp zwei Jahren das Licht der Welt erblickte. "Meine Familie ist neben dem Fußball mein größtes Hobby", schwärmt Linsdorf. Für sie baut er nun eine kleine Ruhe-oase, mitten in Atzendorf, für die Liebe seines Lebens.