"Der Pokal hat seine eigenen Gesetze" lautet eine abgedroschene Fußball-Phrase. Doch im Endspiel des Kreispokals der B-Junioren bewahrheitete sie sich. Kreisklasse-Vertreter Egelner SV Germania stand Landesligist SV Lok Aschersleben gegenüber, kämpfte sich in die Verlängerung und unterlag am Ende mit 4:6 (4:4, 0:2).

Rathmannsdorf l Trotz der Niederlage überwogen die Freude und das Gefühl, den 113 Zuschauern in Rathmannsdorf ein wahres Fest geboten zu haben. Dass es überhaupt in die Verlängerung ging, grenzte an ein kleines Wunder. Denn früh zeigte sich, dass Lok über eine bessere Spielanlage verfügt. Nach einem temporeichen Auftakt marschierte Aschersleben über links in Egelns Strafraum. Die Verteidigung konnte die Situation nicht ausreichend bereinigen, ein Befreiungsschlag landete schließlich bei Niklas Büchner, der einfach mal abzog und den Ball sehenswert aus der Ferne einnetzte.

Der frühe Rückstand schien den ESV zu verunsichern, denn außer langen Bällen fiel ihm wenig ein. Es schien das falsche Mittel gegen die langgewachsenen Ascherslebener zu sein. Doch auch wenn die technischen Defizite unverkennbar waren, so war von Beginn an der eiserne Wille deutlich, teils in übermotivierten Zweikämpfen. Zwar hatten Nick Brock und Tim Kiesche den Egelner Ausgleich auf dem Fuß, doch stattdessen fiel der Treffer auf der anderen Seite. Toni-Raik Böber verwertete einen Freistoß von halblinks und sorgte damit für das 2:0.

In der Folge ließ Lok die Zügel etwas schleifen, da sich die Egelner mit dem Rückstand nicht abfinden wollten. Auch wenn der Ball weiterhin bei Aschersleben flüssiger lief, erspielte sich der ESV zahlreiche Chancen - insbesondere nach Standards. Vor allem Tim war es, der nach Freistößen für Gefahr sorgte. Doch ein Treffer gelang ihm zunächst nicht, auch wenn er längst überfällig gewesen wäre. "In der ersten Hälfte hätten wir ein oder zwei Tore erzielen müssen", haderte Trainer Thomas Stephan. So ging es mit dem 0:2-Rückstand in die Pause.

Nach dem Seitenwechsel belohnte sich Tim dann für seine langen Wege und seinen Einsatz. Er dribbelte an der Strafraumgrenze und zog ab. Der Ball wurde von einem Verteidiger abgefälscht und dadurch für Loks Schlussmann Tom-Uwe Ziegler unhaltbar. Der Anschlusstreffer gab Egeln Aufschwung. Aschersleben wurde nun oft eingeengt und konnte sich nur mit Kontern wehren. Und das erfolgreich: Martin Stolte erhöht zum 3:1. Nur fünf Minuten später erfolgte der nächste Nackenschlag für den ESV, der nach einem schnell ausgeführten Freistoß und einem cleveren Querpass nicht auf der Höhe war - 4:1.

1:4-Rückstand, aber von Resignation keine Spur

Die Partie schien entschieden, galt es doch bei nur noch 20 Minuten auf der Uhr einem Drei-Tore-Rückstand hinterherzulaufen. Statt sich aufzugeben, warfen die Egelner alles in die Waagschale und riskierten damit sogar noch eine höhere Niederlage. "Wir haben immer an uns geglaubt", lobte Stephan die Moral seiner Schützlinge. Er sollte sich bestätigt fühlen. Denn in der 65. Minute trat Carlo Zeidler einen Freistoß, der nicht zuletzt durch den starken Wind an den "Flatterball" der Weltmeisterschaft 2010 erinnern ließ. Loks Torhüter ließ den Ball zum 2:4 durch die Hände rutschen.

Der ESV drückte weiter. Vor allem bei Standards gingen alle Egelner mit nach vorn. Nach einer Ecke schob Nick den Ball zum erneuten Anschlusstreffer ein. Doch das Tor zog einen Schatten nach sich. Denn Kapitän Tim Kiesche sah seine zweite Gelbe Karte und folglich den Platzverweis. Er wollte den Ball holen und schnell zum Mittelpunkt bringen, doch ein Ascherslebener rannte damit weg und begrub ihn anschließend unter sich. Bei Tim brannten im Gerangel um den Ball die Nerven durch. "Ich hätte ruhig bleiben müssen, aber die Emotionen sind hochgekocht. Es war ein Riesenfehler", erklärte Egelns Kapitän selbstkritisch.

Doch auch ohne seinen "Motor" Tim pochte der ESV auf den Ausgleich. Erneut zeigten sich die Egelner als Freistoßspezialisten. Ascherslebens Keeper leistete sich seinen zweiten Bock, wohl bedingt durch den Wind, und ließ den Ball abprallen. Nick spekulierte, stürmte auf den Torwart und köpfte schließlich zum 4:4 ein. Der Jubel kannte keine Grenzen, das Unmögliche wurde wahr.

Nun ging es in die Verlängerung. Der Kräfteverschleiß machte sich in Krämpfen bemerkbar. Doch der Wille der Egelner war stärker. Umso ärgerlicher war es, dass der Ascherslebener Führungstreffer nach einer undurchsichtigen Aktion in der Folge einer Ecke aus einer Abseitsposition heraus erzielt wurde. Der ESV warf alles nach vorn. Trotz vieler langer Bälle in die Gefahrenzone blieben weitere Chancen aus. Nach dem dritten Seitenwechsel besiegelte Loks Martin Stolte per Fernschuss endgültig den Ascherslebener Pokalerfolg. Ein Drama nahm sein Ende.

"Ich war vollends zufrieden", lobte Stephan. "Es ist natürlich bitter, im Endspiel zu verlieren. Aber wer kann schon von sich behaupten, mal im Pokalfinale gestanden zu haben?" Vorwürfe oder Kritik waren Fehlanzeige. Im Gegenteil: Der Coach war stolz auf seine Jungs. "Der Wille war da. Es war eine gute Mannschaftsleistung. Aschersleben zeigte zwar die bessere Spielanlage. Aber wir haben das Einfache besser gemacht." Auch der zweite Platz wurde anschließend gefeiert. Schließlich konnte erst der dritte Landesligist die Egelner stoppen. "Wir haben alles gegeben. Am Ende hat auch ein bisschen das Glück gefehlt", wusste auch der Kapitän.

Egelner SV Germania: Toni Schiffmann - David Barbe, Maurice Wallaschowske, Nick Brock, Tim Kiesche, Carlo Zeidler, Justin Liste, Lukas Radl, Jan Luckner (69. Raphael Zielke), Nils Rettig (62. Jan Menger), Philipp-Lukas Hohmann

Tore: 0:1 Niklas Büchner (10.), 0:2 Toni-Raik Böber (29.), 1:2 Tim Kiesche (41.), 1:3 Martin Stolte (55.), 1:4 Yves Brüggemann (60.), 2:4 Carlo Zeidler (65.), 3:4, 4:4 Nick Brock (75., 79.), 4:5 Karl Kemper Petersen (83.), 4:6 Martin Stolte (94.); SR: Steffen Neumann; ZS: 113, Gelb-Rot: Tim Kiesche (75.)

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