Salzlandkreis l Wenn es nicht läuft, liegt es immer am Schiedsrichter. Diese Erfahrungen machen die 100 Unparteiischen des Salzlandkreises jedes Wochenende aufs Neue. Die Aggressivität auf dem Platz selbst ist über die Jahre zwar gleich geblieben, doch die Wut, die sich auf die Spielleiter richtet, hat zugenommen.

Sven Tuchen, Schiedsrichter des TSV Kleinmühlingen/Zens und Vorsitzender des Sportgerichts im Salzlandkreis, kann ein Lied davon singen. "Man ist in jedem Spiel Anfeindungen ausgesetzt. Meistens kommen diese von den Zuschauern, aber auch die Spieler und Trainer werden zunehmend ausfallend." Ein ganz extremes Beispiel erlebte Tuchen in der Landesliga-Partie zwischen dem SV Förderstedt und dem VfB Ottersleben. Von den Rängen ertönten nicht nur die "gewohnten" Sätze wie "Bist du blind" oder "Lass dich auswechseln", sondern es ging noch weiter. "Euch müsste man mit dem Knüppel schlagen", wurde schließlich sogar über das Feld gerufen. "Bei solchen krassen Situationen macht man sich schon seine Gedanken, was man sich Woche für Woche antut", gibt Tuchen zu. "Allerdings sind solche Situationen eher selten und mit den meisten Kommentaren kann man umgehen."

Selten sind auch Situationen, in den Schiedsrichter nicht beleidigt oder bedroht, sondern im Gegenteil gelobt werden. Mike Feller, Schiedsrichter des Schönebecker SC, kam in so eine angenehme Situation. "Nach dem Salzlandliga-Spiel des BSV Eickendorf gegen Einheit Bernburg kam der Eickendorfer Trainer Marco Schmoldt zu mir, gab mir die Hand und lobte mich für meine Arbeit", erinnert sich Feller. "Und das, obwohl Eickendorf mit 0:2 verloren hat. Die Partie war auch allgemein sehr fair von beiden Mannschaften. Ich musste nur viermal eine Karte ziehen."

Feller betreute aber auch andere Begegnungen. "In Winningen habe ich einmal sechs Gelbe Karten und zweimal glatt Rot geben müssen. Da macht man sich natürlich auch keine Freunde." Der Schönebecker hat eine Erklärung, woran die zunehmende Aggressivität liegt. "Ich glaube, dass manche Spieler nicht so sattelfest im Regelwerk sind. Da sollten die Vereine auch noch einmal ansetzen, die Trainer vielleicht eine Einheit ein bisschen eher beenden und die Regelkunde etwas auffrischen."

Recht positive Erfahrungen hat dagegen Thomas Stude, Schiedsrichter des SV Bode Löderburg, gesammelt. "Bei mir liefen die Partien recht fair ab. Ich musste bisher nur einmal Rot ziehen. Ein Handspiel hat einen Torschuss verhindert." Zudem konnte sich der Löderburger über einiges Lob von Trainern oder Zuschauern freuen.

"Die Zuschauer sehen das Spiel nun mal mit der Vereinsbrille."

Aber von Pfiffen und Beleidigungen wie "blinde Sau" wurde auch er nicht verschont. Stude sieht die Anfeindungen von Außen aber gelassen. "Die Zuschauer sehen ein Spiel nun mal mit der Brille ihres Vereins." Was ihm jedoch negativ auffiel, "waren die zunehmend rassistischen Äußerungen auf dem Platz. Ich kann mich an ein Spiel erinnern, als von einer Zuschauerin der Ruf `Scheißpole´ kam. Ein deutscher Spieler war im Zweikampf mit einem polnischen und dieser hat ihn gewonnen." Allgemein hat sich die Lage aus Studes Sicht beruhigt. "Außerdem bin ich froh, dass wir hier im Salzlandkreis von so krassen Sachen, die man in den Medien immer wieder hört, bisher verschont geblieben sind."

"Bis jetzt hatten wir noch keine Attacken mit Messern oder ähnliche Situationen", weiß auch Tuchen zu berichten. Dennoch beunruhigt ihn die Tendenz. In der Hinrunde musste das Sportgericht gut 100 Verfahren bearbeiten. Die Hauptursachen waren Tätlichkeit gegen den Gegner oder eine andere Person (18) und Vergehen gegenüber Schiedsrichtern (12). "Was besonders erschreckend ist, ist die Zunahme solcher Verfahren im Nachwuchsbereich." 15 Verfahren, vor allem wegen Beleidigungen und Nachtreten, musste das Sportgericht in der Hinrunde bearbeiten. "Wenn es schon in jungen Jahren losgeht, dann muss man sich im Erwachsenenbereich auch nicht mehr wundern. Es ist teilweise schon krass, was draußen los ist."

Ein weiterer Fakt, den Tuchen mit Sorge beobachtet, "ist das Verhalten der Trainer. Die Verweise aus der Coaching-Zone haben leider auch zugenommen. Das ist in sofern schlecht, weil es die Spieler noch zusätzlich anstachelt. Sie werden ohnehin schon durch die Umgebung beeinflusst."

Es gibt aber auch Positives zu berichten. "Es ist erstaunlich, dass ein Ausspruch von Lob zunehmend von den Verlierermannschaften kommt. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass die Arbeit unserer Gilde doch etwas mehr gewürdigt wird. Es muss nicht ausschweifen. Ein kurzer Klaps auf die Schulter und ein `gut gepfiffen´ reichen völlig aus." Lob für die Schiesdrichter hätte aus Tuchens Sicht auch einen positiven Effekt für den Spielbetrieb. "Wir haben im Grunde zu wenig Schiedsrichter im Salzlandkreis. Die Abgänge aufgrund von Alter können nicht ausreichend mit dem Nachwuchs aufgefüllt werden. Gerade junge Spielleiter verschließen sich, wenn sie nur Pfiffe oder Beleidigungen hören. Hinzu kommt Angst. Da kann man verstehen, wenn sie wieder aufhören."

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